Prof. Joachim Ragnitz

Wirtschaftswissenschaftler und Geschäftsführender Direktor am ifo-Institut Dresden

Joachim Ragnitz

„Nein, die These, dass es der Bundesrepublik ohne Wiedervereinigung besser ginge, stimmt so nicht,  auch wenn man vorab sagen muss: Es gibt keinen Vergleichsmaßstab, wie die Entwicklung ohne Wiedervereinigung verlaufen wäre. Für sich betrachtet aber hat die Wiedervereinigung einen heilsamen Reformschub ausgelöst, denn die  Bundesrepublik war 1989 eher verkrustet. So wurde die Europäische Integration vorangetrieben, ebenso der Europäische Binnenmarkt und die EU-Osterweiterung.  Auch die Arbeitsmarktreformen unter dem Titel 'Agenda 2010' und diverse Steuerreformen sind eine indirekte Folge der Wende. Und auch direkte Effekte gab es: Denn da nun viel mehr Arbeitskräfte vorhanden waren, stiegen die Löhne langsamer. Außerdem wurden durch die Wende neue Märkte erschlossen, in Ostdeutschland sowie den osteuropäischen Ländern. Es gab also volkswirtschaftlich betrachtet einige Vorteile.

Das Problem liegt aber in der Finanzierung der Wiedervereinigung. Denn der Aufbau Ost wurde und wird weitgehend aus Mitteln finanziert, die in Westdeutschland aufgebracht werden. Auf Kosten der westdeutschen Konsumenten, zugunsten der Ostdeutschen. Theoretisch und etwas abstrahiert betrachtet ließe es sich so darstellen: Die Konsumenten im Westen geben das Geld (und können deswegen weniger Güter konsumieren), die Konsumenten im Osten erhalten das Geld und kaufen damit Güter aus westdeutscher Unternehmen, die im Osten nicht produziert werden können. Die Unternehmen im Westen haben damit genauso viele Einnahmen. Die Gelder sind insoweit zurückgeflossen. Der Wohlstand ist aber im Osten gestiegen, im Westen gesunken.

Aber die Kosten für den Aufbau Ost lassen sich nicht seriös berechnen. Man kann natürlich aufaddieren, was an öffentlichen Mitteln von West nach Ost geflossen ist. Dies sind aber überwiegend Mittel, deren Begründung in einem gesamtdeutsch einheitlichen Steuer- und Transfersystem liegt. Und es sind allemal nicht die Kosten der Einheit; damit kann man bestenfalls die 'Sonderleistungen' für den Osten bezeichnen (also Solidarpakt I und II, Treuhandanstalt, Sonderleistungen im Rahmen der Arbeitslosenversicherung). Kosten sind es ohnehin nur für den Westen, nicht für Deutschland insgesamt (denn da saldiert es sich auf Null). Gewinne aus der Wiedervereinigung wiederum kann man ebenfalls nicht seriös quantifizieren. Schaut man nun insgesamt auf die ökonomische Lage, so lässt sich sagen: Die alte Bundesrepublik hat von der Wiedervereinigung nicht nur profitiert - ganz Deutschland aber schon.“

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In der DDR gab es keine Arbeitslosen – Stimmt

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