10.07.2013

Gabriel (SPD): 50 % der neuen Jugendlichen-Arbeitsplätze sind Zeitarbeitsplätze – Stimmt nicht

Wie sieht die Wirklichkeit hinter der Arbeitsmarktstatistik aus? SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht besonders prekäre Verhältnisse bei Jugendlichen. Er behauptet: 50 Prozent der neuen Jugendlichen-Arbeitsplätze sind Zeitarbeitsplätze. Das #ZDFcheck-Fazit: Stimmt nicht.

Zitat: „50 Prozent der neuen Arbeitsplätze, die junge Leute besetzen, sind heute Leih- und Zeitarbeitsplätze.“

Bisherige Rechercheergebnisse:

So funktioniert's

Was checken wir?

User Markus Gödker hat das #ZDFcheck-Team kontaktiert und auf den Satz von Sigmar Gabriel aufmerksam gemacht. Er fragt sich, ob er stimmen kann. Deshalb die ZDF-Checkfrage: Stimmt es, dass  die Hälfte der von jungen Leuten neu abgeschlossenen Beschäftigungsverhältnisse Zeitarbeitsplätze sind?

Begriffsklärung

Die Bundesagentur für Arbeit nutzt Leih- und Zeitarbeit synonym. Als Oberbegriff verwendet die Arbeitsagentur „Zeitarbeit“. Gabriel verwendet außerdem den Begriff „junge Leute“: Das ist nicht genau definiert, die Bundesagentur für Arbeit bezeichnet die Gruppe der 15-24-Jährigen als Jugendliche. Der #ZDFcheck hat bei der SPD angefragt, wie Sigmar Gabriel den Begriff definiert.

Stimmt es, dass 50 Prozent der von „jungen Leuten“ neu abgeschlossenen Beschäftigungsverhältnisse Zeitarbeitsplätze sind?

Erster Schritt: Nachfrage beim statistischen Bundesamt. Dort werden allgemein die Zahlen der Erwerbstätigen erhoben, aus denen auch die Anzahl der Zeitarbeitsplätze hervor geht, wie auch User Lucas Werkmeister schreibt. Bei den 15-25-Jährigen sind 1,941 Millionen abhängig beschäftigt. Als Zeitarbeiter listet das statistische Bundesamt in dieser Altersgruppe 91.000. Das sind 4,7 Prozent.

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Eine Aufschlüsselung nach „neu abgeschlossenen Beschäftigungsverhältnissen“ gibt es beim Statistischen Bundesamt allerdings nicht.

Karolus1 bringt die Zahlen des generellen Beschäftigungszuwachses ins Spiel, denn Gabriel spricht von „neuen“ Arbeitsplätzen. Hier ist ersichtlich, dass der Beschäftigungszuwachs 2010 zu großen Teilen von Zeitarbeit getragen wird. Allerdings bezieht sich das auf alle Altersgruppen.

Bei der Bundesagentur für Arbeit werden auch neu abgeschlossene Beschäftigungsverhältnisse erhoben – aufgeschlüsselt nach Altersgruppen. Sie wertet für den #ZDFcheck die aktuellsten Daten aus:

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Im Jahr 2012 verzeichnet die Arbeitsagentur bei den 15-24 Jährigen 1.395.751 neu abgeschlossene sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Zur Zeitarbeit zählen davon 231.441 – also 16,6 Prozent.

Wenn man neu abgeschlossene sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse bei 15-24-Jährigen betrachtet, stimmt Gabriels Aussage also nicht.

Update 17.07.2013:

In der Antwort der SPD stellt Gabriels Sprecher klar:

„Sigmar Gabriel wollte darauf hinweisen, dass viele junge Menschen nur zeitlich befristet beschäftigt werden. Tatsache ist, dass laut IAB jede zweite Neueinstellung nur noch befristet erfolgt. 50 Prozent der jungen Leute bekommen also, wenn sie neu eingestellt werden, nur Leiharbeit oder zeitlich befristete Verträge.“

Der nicht unbedeutende Unterschied zwischen der Erklärung des Sprechers und der Äußerung Gabriels liegt im Detail: „Zeitlich befristet“ (Erklärung des Sprechers) ist etwas anderes als „Zeitarbeitsplätze“ (Gabriels Wortwahl im TV). Unter „Zeitarbeitsplätzen“ werden Beschäftigungen verstanden, die über Zeitarbeitsfirmen vergeben werden. Der Arbeitnehmer steht in keinem wirklichen Arbeitsverhältnis zu dem eigentlichen Unternehmen, für das er arbeitet, sondern hat seinen Vertrag bei der Zeitarbeitsfirma. Im Falle eines „zeitlich befristeten Vertrages“ (Wortwahl des Sprechers) gibt es eine unmittelbare und direkte vertragliche Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Studien – unter anderem vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, auf das sich auch Gabriel bezieht (z.B. hier und hier) – zeigen, dass Zeitarbeiter oft schlechter bezahlt werden als die Stammbelegschaft, sich selbst als schlechter in Unternehmen und Gesellschaft integriert fühlen als befristet Beschäftigte und geringere Chancen haben, in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis zu gelangen als befristet Beschäftigte.

Ein „Zeitarbeitsplatz“ beschreibt deshalb oft eine prekärere Arbeitsplatzsituation als ein „zeitlich befristeter Vertrag“. Gabriels Wortwahl – ob nun bewusst verzerrend oder nur ungenau gewählt – vermittelt im Ergebnis eine größere Unsicherheit der Arbeitsplatzsituation, als es tatsächlich der Fall ist.

Das #ZDFcheck-Fazit

In der ZDF-Talksendung Maybrit Illner hat Sigmar Gabriel eine These vertreten, die sich nicht halten lässt. „Leih- und Zeitarbeit“ - Begriffe die laut Bundesagentur für Arbeit synonym genutzt werden – kommen bei neuen Verträgen für „junge Leuten“ laut der Berechnung der Bundesagentur nur zu 13,2 Prozent vor, nicht zu 50 Prozent.

Gabriel hat das Zitat genutzt, um die Dramatik der Arbeitsmarkt-Situation für Jugendliche zu unterstreichen. Die Wirklichkeit ist weit weniger dramatisch. Die Erklärung von Gabriels Sprecher, der SPD-Vorsitzende habe nicht „Zeitarbeit“, sondern „zeitlich befristete Arbeit“ gemeint, verändert die Aussagekraft des Zitats relevant. Der Check hat deutlich aufgezeigt, wo die Unterschiede liegen.
Deshalb lautet das Fazit der #ZDFcheck-Redaktion: Gabriels Aussage stimmt nicht.

Dieser #ZDFcheck wurde beendet. Die Redaktion hat ein Fazit gezogen. Vielen Dank an alle Helfer für die Hinweise und Beteiligung.

Insgesamt 41 Hinweise

  1. leicht OT: Dafür, dass Wahlkampf ist, lässt sich die SPD mit ihrer Antwort ganz schön Zeit…
    Wie lange warten wir?

    • Gestern Abend kam finally die Antwort. Arbeite ich jetzt ein. VG

  2. Wir haben die Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit ganz aktuell für den #ZDFcheck zusammengestellt hat, grafisch aufbereitet. Oben im Rechercheschritt. :-)

    • Aus der Grafik geht nicht hervor, wie viele 15- bis 24-Jährige sich auf zeitlich befristeten Stellen befunden haben. Außerdem verweise ich erneut auf Ausführungen zur statistischen ‚Brauchbarkeit‘ der BA-Zahlen. Nach dem angeführten DIW-Paper weist die BA-Statistik den geringsten Wert für die Zeitarbeitsverhältnisse aus.

    • Mein Hinweis bezieht sich auf die zweite Grafik.

      ———————————————————–

      Nimmt man den Anteil der Leiharbeitnehmer und Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen landet man bei den 2011er Mikrozensusdaten übrigens bei annähernd 50 %. Ob die errechneten 49,96 % in nennenswertem Umfang Doppelzählungen enthalten, ist allerdings schwer einzuschätzen.
      Nimmt man die BA-Statistik als Grundlage, dann beträgt der erechnete Anteil der Zeitarbeitnehmer zwischen 15 und 24 immerhin schon 32,37 %.

    • Sorry. habe den Berechnungsrahmen unterschlagen. Gemeint ist bei der zweiten Rechnung der Anteil des Zeitarbeitnehmerzuwachses (15-24) seit 2009 am Gesamtzuwachs der Beschäftigungsverhältnisse der genannten Altersgruppe.

    • Omg! Die letzte Rechnung von mir ist natürlich bullshit!! Denn es handelt sich ja nur um die neu abgeschlossenen Arbeitsverträge. Mea culpa.

    • Rechnet man den Zeitraum seit 2009 dann sind’s 18,23 %.

    • Trotz Selbsteinäscherung meines Hauptes erlaube ich mir noch den Hinweis, dass die erste Grafik nicht korrekt beschriftet ist. Die Mikrozensus-Daten beziehen sich nur auf die 15- bis UNTER 25-Jährigen.

    • Den Hinweis von @Slapsticker zu zeitlich befristeten Arbeitsverträgen möchte ich ausdrücklich unterstützen. Es muss unbedingt geklärt werden, ob Gabriel zeitlich befristete Arbeitsverträge mit einbezogen hat. Es wäre deshalb schön gewesen, wenn diese auch in der diesbezüglichen Grafik ausgewiesen wären.

    • @ Karolus1
      Sehe ich genauso. Unabhängig von Gabriels Intention sehe ich die Ausweisung des Ausmaßes der Befristung in Grafik 2 schon unter Service- bzw. Informationsgesichtspunkten für richtig an. Der ÖRR hat ja schließlich einen Bildungsauftrag, oder? 😉

  3. Noch ein grundsätzlicher Hinweis zur Genaugkeit und der angemessenen Interpretation von Statistiken:

    Die unten verwendeten Daten von destatis beruhen auf dem „Mikrozensus“. An der Befragung sind jedes Jahr 1 % der Privathaushalte in Deutschland beteiligt, was etwa 390.000 Haushalten mit 830.000 Bürgern entspricht. (An der integrierten Arbeitskräftestichprobe der EU nehmen nur 0,1 % der Privathaushalte teil.)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mikrozensus

    Wenn wir nun eine Anzahl von ca. 750.000 Leiharbeiter in der Statistik vorfinden, so wurden dazu tatsächlich nur 7.500 Personen gezählt und dann hochgerechnet. Aufgrund dieser Zahlen findet man eine Standardabweichung (Streuung) von
    ——
    S = Quadratwurzel( p * q * n )
    http://de.wikipedia.org/wiki/Standardabweichung#Binomialverteilung

    mit
    n = 830000
    p = 7500 / n
    q = 1 – p
    also:
    einfache Standardabweichung = S = 86,2
    —————————————–
    Aus den Gesetzen der Stochastik folgt nun, dass die tatsächliche Anzahl mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent innerhalb eines Intervalls von plus/minus der DOPPELTEN Standardabweichung liegt. Für die Anzahl der Leiharbeiter bedeutet das:
    95%-Intervall = plus/minus (2 * 8620)
    Die Zahl der Leiharbeiter liegt also mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 95 Prozent im
    Intervall von 732.760 bis 767.240.
    Das betrifft aber jetzt auch nur den Zufallsfehler. Andere Fehlerursachen sind dabei noch nicht berücksichtigt.

    Damit wird vielleicht deutlich, dass bei der Bildung von Differenzen zwischen zwei Jahreswerten große Fehler auftreten können, aber nicht müssen.

    • Klar sind die möglichen Abweichungen nicht zu unterschätzen, wobei das Konfidenzintervall okay ist. Von der Erhebungsgenauigkeit ist wohl für die Leiharbeit die ANÜSTAT am verlässlichsten. Allerdings weist sie andere Probleme auf (s. Quelle). Bei der Messung von Leiharbeit ergeben sich erhebungsbezogen allerlei Schwierigkeiten, von denen die mutmaßlich hohe Fluktuation nur eine ist. LG

  4. Noch zwei Anmerkungen, von denen die erste die Datenjonglage betreffen könnte und daher wesentlich für den Faktencheck ist:

    1. U. a. „aufgrund der notwendigen Umsetzung der neuen Leiharbeitsrichtlinie der EU“ gab es im Jahr 2011 mehrere Gesetzesänderungen, von denen einige „am 31. Juli 2011 in Kraft getreten“ sind (vgl. Wikipedia). Ob dies Änderungen der statistischen Daten bedeutet hat, wäre daher sicherheitshalber zu prüfen.

    2. Offenbar wird die Entwicklung der Leiharbeit auch vonseiten der BA zunehmend kritisch gesehen, wie eine Meldung vom Anfgang dieses Jahres belegt: „BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte der Zeitung Die Welt, es gebe „Fehlentwicklungen“, die der BA-Vorstand diskutieren müsse. […] Die Zeitung zitierte aus einem Diskussionspapier, dass der Anteil der Zeitarbeit 2007 bei den Stellenvermittlungen noch halb so hoch gewesen sei wie der regulärer Arbeit. Mittlerweile hätten sich die beiden Werte angeglichen. 2010 habe der Anteil der Zeitarbeit sogar über dem regulärer Beschäftigungsverhältnisse gelegen. BA-Hauptpersonalratschef Eberhard Einsiedler, einer der Verfasser des Papiers, kritisiert, dass die Jobvermittler besonders große Anreize hätten, in Zeitarbeit zu vermitteln. Denn die Integration eines Arbeitslosen in die Zeitarbeit zähle genauso als Erfolg wie die direkte Vermittlung in ein Unternehmen.“ http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-01/bundesagentur-arbeit-zeitarbeit

  5. Noch zwei Anmerkungen:

    1. Offenbar wird die Entwicklung der Leiharbeit auch vonseiten der BA zunehmend kritisch gesehen, wie eine Meldung vom Anfgang dieses Jahres belegt: „BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte der Zeitung Die Welt, es gebe „Fehlentwicklungen“, die der BA-Vorstand diskutieren müsse. […] Die Zeitung zitierte aus einem Diskussionspapier, dass der Anteil der Zeitarbeit 2007 bei den Stellenvermittlungen noch halb so hoch gewesen sei wie der regulärer Arbeit. Mittlerweile hätten sich die beiden Werte angeglichen. 2010 habe der Anteil der Zeitarbeit sogar über dem regulärer Beschäftigungsverhältnisse gelegen. BA-Hauptpersonalratschef Eberhard Einsiedler, einer der Verfasser des Papiers, kritisiert, dass die Jobvermittler besonders große Anreize hätten, in Zeitarbeit zu vermitteln. Denn die Integration eines Arbeitslosen in die Zeitarbeit zähle genauso als Erfolg wie die direkte Vermittlung in ein Unternehmen.“ http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-01/bundesagentur-arbeit-zeitarbeit

    2. U. a. „aufgrund der notwendigen Umsetzung der neuen Leiharbeitsrichtlinie der EU“ gab es im Jahr 2011 mehrere Gesetzesänderungen, von denen einige „am 31. Juli 2011 in Kraft getreten“ sind (vgl. Wikipedia). Ob dies Änderungen der statistischen Daten bedeutet hat, wäre daher sicherheitshalber zu prüfen.

  6. Wie auch in der Kommentarrunde zu Definitionen zum Begriff Jugendliche aufscheint:
    Das Zitat, das aus der Sendung von Maybrit Illner stammt, sollte man wörtlich nehmen. Dort ist nicht von Jugendlichen, sondern von jungen Leuten die Rede. Aus dem Blickwinkel eines Politikers um die >50 können das sehr wohl Leute unter <40 sein.

  7. Interessant erscheint mir noch, dass offenbar die offiziellen Statistiken zur Leiharbeit und Befragungsdaten des SOEP erheblich differieren. So gab es z. B. laut ANÜSTAT 2010 839.056 Leiharbeiter, wohingegen die auf Basis der Panelbefragung hochgerechnete Zahl bei 1.128.156 lag. DIW-Forscher führen dazu aus:

    „Das hat folgende Ursachen:
    1. In der ANÜSTAT werden nur Fälle gewerblicher ANÜ erfasst. Und das auch nur dann, wenn es sich nicht um Sondertatbestände handelt, die im Sinne des AÜG nicht meldepflichtig sind.
    2. Neben der ANÜ gibt es Beschäftigungsformen, die von den Betroffenen – möglicherweise – als LA identifiziert werden: Abordnung, Management auf Zeit, Arbeit in einem gemeinsamen Betrieb (unterschiedlicher Vertragsarbeitgeber), Tätigkeit als Werkvertragsarbeitskraft.
    3. Unter Umständen sind die Befragten auch sonst nicht in der Lage, ihr Beschäftigungsverhältnis der LA korrekt zuzuordnen. Hierfür gibt es aber keine Hinweise, da die von den Befragten angegeben Merkmale der LA den Mustern entsprechen, die auch in Studien mit anderen Datenquellen gefunden wurden.
    4. Fehler bei der Hochrechnung der Daten zur Beschäftigung oder aufgrund der Befragungszeiträume sind dagegen eher auszuschließen.
    Ein besonderes Problem ergibt sich bei der Beschäftigung in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, die weit überwiegend Frauen betreffen. Hier scheint die ANÜSTAT kein adäquates Bild zu liefern. Das führt dazu, dass über das Verhältnis von Männern und Frauen in der LA ein verzerrtes Bild entsteht. Außerdem ist die Zahl der von LA Betroffenen deutlich höher, als es die ANÜSTAT nahelegt. Wir müssen seit 2003 mit ca. 1 Mio. LA rechnen.“
    http://www.leben-in-deutschland.info/downloads/diw_sp0486_Wieviele%20Leiharbeiter%20gibt%20es.pdf (S. 17)

    • Erwähnenswert erscheint mir auch noch, dass die Beschäftigungsstatistik der BA noch weniger Zeitarbeiter ausweist. Der Betriebswirtschaftsprofessor Dr. Michael Schlese (btw: sorry wegen des Plurals) schreibt dazu: „Bundesweit liegt die Zahl der gemeldeten Beschäftigten in der Zeitarbeit durchschnittlich rund 1 Prozent unter denen aus der ANÜSTAT.“ (Ebd., S. 10) Auch die Daten des Statistischen Bundesamtes auf Basis vom Mikrozensus liegen recht niedrig. Demnach waren es 2010 etwa 742 Tsd. (https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2011/07/PD11_270_132.html). Die Differenz zum o. g. SOEP-Datum beträgt somit ca. 386 Tsd. – man sollte sich aufgrund dieser erheblichen Unterschiede schon ganz genau überlegen, welche Daten man zugrunde legt. Denn man wird höchstwahrscheinlich zu jeweils recht unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Analog zum Wiesehügel-Check, wo ja auch die Selbsteinschätzung Betroffener einbezogen wurde, sollte man dies m. E. in diesem Fall auch tun. Dazu eignen sich allerdings nur die SOEP-Daten. Überdies halte ich eine Nachfrage bei Gabriel bzgl. des Einbezugs der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen (vgl. auch die Hinweise von bruns_hauke und SynRRg) für richtig.

  8. Hier ist eine Auflistung der atypischen Beschäftigung, aufgeteilt u.a. nach Altersgruppen, nur für 2011:
    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Arbeitskraefteerhebung/Tabellen/AtypischeBeschaeftigung2011.html
    Und hier gibt’s atypische Beschäftigungsverhältnisse 1996-2011, nur nach männlich/weiblich aufgeteilt:
    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Arbeitskraefteerhebung/Tabellen/AtypischeBeschaeftigungZeit.html
    Und hier gibt’s Beschäftigungsverhältnisse, aufgeteilt nach Arbeitsgruppen, nur erwerbstätig/-los, 1991-2011:
    https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabelleErgebnis/12211-0002
    Was wir brauchen, ist eine Kombination davon, die ich nicht finden kann…

  9. Gabriel dürfte klar sein, dass die Begriffe Leiharbeit und Zeitarbeit synonym verwendet werden. Wenn er also ausdrücklich von Leih- UND Zeitarbeit spricht, muss er auch Unterschiedliches damit gemeint haben. Im Kontext seiner weiteren Ausführungen wird deutlich, dass er die zuvor genannten Arbeitsverhältnisse von „festen Arbeitspl[ä]tz[en]“ abgrenzt. Mutmaßlich meinte Gabriel daher zum einen Leiharbeit und zum anderen zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse, die er dann etwas missverständlich auf den Begriff „Zeitarbeit“ gebracht hat. Daher wäre zunächst zu klären, ob es sich um eine solche sprachliche Nachlässigkeit gehandelt hat. Womöglich gibt es ja weitere Zitate aus der Sendung, die indizieren, was Gabriel gemeint hat. Sollte dies nicht der Fall sein, müsste man seitens der Redaktion noch einmal nachfragen. Für wahrscheinlich halte ich die von mir genannte Variante. Man spricht ja auch von sog. Zeitverträgen anstelle von zeitlich befristeten Verträgen. Da liegt eine verkürzende analoge Wortbildung aus der Lamäng nahe. Eine sprachliche Dopplung wäre in jedem Fall überflüssig und auch sehr ungewöhnlich.

  10. Die Betonung liegt auf NEUE Arbeitsplätze. Es geht also um den BeschäftigungsZUWACHS. Dazu habe ich dies hier gefunden:

    „Beschäftigungszuwachs 2010 zu großen Teilen von Zeitarbeit getragen
    … Damit trug die atypische Beschäftigung gut 75% zum Gesamtwachstum der Zahl abhängig Beschäftigter zwischen 2009 und 2010 bei …. ist wiederum hauptsächlich auf den Zuwachs von Personen in Zeitarbeitsverhältnissen zurückzuführen: Ihre Zahl wuchs … um 182 000. Damit trug die Zeitarbeit allein zu deutlich mehr als der Hälfte (57%) des gesamten Beschäftigungsanstieges bei und erreichte 2010 mit 742 000 einen neuen Höchststand.“
    Quelle:
    https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2011/07/PD11_270_132.html

    Beschäftigungszuwachs insgesamt: +322.000
    Zuwachs an Zeitarbeitnehmern: +182.000
    Anteil: 182.000 / 322.000 = 56,5 %
    =========================================
    Das bezieht sich jedoch auf alle Altersgruppen. Ob das bei den Jungen besser aussieht?
    Aktuellere Zahlen wären natürlich auch noch interessant.

    • Die IG Metall bezieht sich augenscheinlich auf diese Zahlen, wenn es im ‚Schwarzbuch Leiharbeit‘ heißt: „Laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes geht der gesamtwirtschaftliche Beschäftigungszuwachs 2010 in erster Linie aufs Konto dieser atypischen Jobs. Der Arbeitsplatzaufbau entpuppt sich dadurch als Boom prekärer Beschäftigung: Rund drei Viertel der neuen Stellen für abhängig Beschäftigte sind atypisch, mehr als die Hälfte entfällt allein auf die Leiharbeit.“ http://www.igmetall.de/cps/rde/xbcr/SID-01595952-53030EC0/internet/docs_0185068_Schwarzbuch_Leiharbeit_digital_0646405bf82fbe5e8586ffc0685a10e8e9c72920.pdf Dabei fallen die absoluten Zahlen für das Jahr 2010 noch vergleichsweise gering aus (s. Abb. S. 10).

    • Hallo Karolus1,

      schau mal in den Link, den Lucas oben gepostet hat (https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Arbeitskraefteerhebung/Tabellen/AtypischeBeschaeftigung2011.html). Daraus geht hervor, dass es 2011 insgesamt 31,59 Mio Abhängig Beschäftigte gab – davon 775.000 in Zeitarbeit. Macht für alle Altersgruppen einen Zuwachs von 4,78 Prozent aus. Die Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor.

      VG

    • Hallo Sonja,
      ja danke, ich hab’s gesehen. Dein Ergebnis erhalte ich auch, aber bitte Vorsicht!

      Unterschied von 2010 => 2011:
      Zuwachs Beschäftigte: 30904 => 31592 (+688)
      Zuwachs Leiharbeit: 742 => 775 (+33)
      ——————————————
      Anteil Leiharbeit: 33 / 688 = 4,8 %
      ==========================================
      Allerdings ist hier Vorsicht geboten, weil wir den Differenzenquotienten von 2 kleinen Zahlen (mit größerer Streuung) und 2 großen Zahlen bilden. Da kann der Fehler sehr groß werden!
      Außerdem teile ich die Hinweise von @Slapsticker (11.07.2013 | 13:28 Uhr) hinsichtlich unterschiedlicher Statistiken.

    • Das stimmt mit den unterschiedlichen Statistiken. Die Bundesagentur hat aber ganz aktuelle Zahlen. Wir warten noch auf ein Feedback der SPD_Pressestelle, um zu sehen, ob wir noch ganz andere Statistiken ranziehen müssen…

    • @ Karolus1:

      Deine Rechnung ist nachvollziehbar. Es stellt sich gleichwohl ganz grundsätzlich die Frage, ob die letzten Zahlen mit den entsprechenden Vorjahreswerten zu vergleichen sind. Gabriel hat explizit keinen Zeitraum für die Neuschaffung von Arbeitsplätzen angegeben. Theoretisch könnte er sich also auch auf die während der Legislaturperiode neu geschaffenen Arbeitsplätze beziehen. Wahrscheinlicher erscheint mir allerdings nach wie vor, dass er mit „Leih- und Zeitarbeitsplätze[n]“ Leiharbeit und Arbeit aufgrund von Zeitverträgen meinte, da eine sprachliche Dopplung durch die Konjunktion „und“ ansonsten sinnlos und überdies reichlich skurril wäre.

      @ Checkteam: Habe die Veröffentlichung des vorletzten Re-Postings erst gerade entdeckt. Daher: Einfach als nicht gesendet betrachten. MfG

    • @Slapsticker
      Zu deinen Hinweisen wg. der Semantik zu „Befristete Beschäftigung“ = „Zeitvertrag“ = „Zeitarbeit“ und der möglicherweise von Gabriel beabsichtigten Abgrenzung vom Terminus „Leiharbeit“ noch folgende Betrachtung:

      Jeweils Anteil am ZUWACHS *) der Gesamtbeschäftigung:

      Art der Beschäftigung | 2009 =>2010 | 2010 =>2011
      Diff. Befristete Vert.| + 37,6 % *) | + 6,4 % *)
      Diff. Leiharbeit Vert.| + 56,5 % *) | + 4,8 % *)

      *) Achtung:
      Bei der Betrachtung von Differenzenquotienten können Streuungen (Standardabweichungen) zu gravierenden Fehlern führen!

      Quellen wie oben.

    • @ Karolus1

      Wenn ich den Zeitraum 2009-11 auf Basis der destatis-Zahlen betrachte, komme ich auf einen Wert von 37,6 % für den Anteil, den die Zunahme befristeter Beschäftigung und Leiharbeit zusammengenommen am gesamten Zuwachs der abhängigen Beschäftigung ausmacht.

    • @Slapsticker
      Ja, hab‘ ich auch (37,62 %).
      Dabei müsste man aber genau genommen mögliche Doppelzählungen noch rausrechnen (siehe Fußnote 4). Es gibt auch befristete Leiharbeit.

    • Stimmt! Die Anzahl der Mehrfachzählungen dürfte aber m. E. nicht gravierend sein. LG

  11. 50% Zeitarbeitsverträge kann ich mir kaum vorstellen, was ich mir allerdings vorstellen kann, dass 50% der Arbeitsverträge befristet sind.

  12. Zunächst wäre zu klären, was unter dem Begriff „junge Leute“zu verstehen ist – Jugendliche, wie ihr es schreibt, sind damit m.E. nicht gemeint, da die laut Wikipedia im Alter von 13-21 sind und bspw. Uni-Absolventen dann ja nicht darunter fielen. Ich würde wahlweise die Situation bei Berufseinsteigern oder Leuten unter 30 betrachten. Zudem ist zu klären, ob man Ausbildungsverhältnisse, die naturgemäß befristet sind, dazurechnen möchte. Von der Vorgehensweise wäre nach der Festlegung auf die Altersspanne der „jungen Leute“ der nächste Schritt festzulegen, welcher Zeitraum betrachtet werden soll.Heisst „heute“ im Jahr 2013 oder im vergangenen Jahr oder in den letzten drei Jahren? Korrekt wäre es wohl, bzgl. der beiden Punkte bei gabriel nachzufragen und zu fragen, auf welche Daten er seine Aussage stützt.

    • Gute Idee. Eine Begriffsklärung ist unser erster Schritt. Wir haben bereits bei der Agentur für Arbeit angefragt, die definieren Jugendliche als 15-24-Jährige. Natürlich fragen wir auch die SPD an, wie die den Begriff „junge Leute“ verstehen.
      Viele Grüße

  13. Nein! wenn man es nur auf Leih- und Zeitarbeitsverträge im Gesetzessinne bezieht. Möglicherweise, wenn man auch alle befristeten Verträge darin mitverstanden betrachtet.

    • Genau dem möchte ich zustimmen. In einer politischen Diskussion würde ich alle zeitlich befristeten Arbeitsverträge vereinfachend gegen unbefristete Arbeitsverträge stellen. So scheint das auch in klassischen Bewerberportalen großer Firmen auf.
      Auch das Thema der Jugend sollte man pragmatisch angehen. D.h. Akademische Berufsanfänger, die an Hochschulen, Forschungseinrichtungen aller Art nicht nur für eine Promotion befristet, sondern sogar danach mit Zeitverträgen wie 1 oder 3 Jahresverträgen angestellt werden, da diese Einrichtungen sich nur auf Forschungsprojektbasis finanzieren, sollten hinzugezogen werden. Dies Arbeitnehmer zwischen 30 – und 35 Jahren. Gar nicht mehr so jung, aber im Berufseinstieg.

Gabriel (SPD): 50 % der neuen Jugendlichen-Arbeitsplätze sind Zeitarbeitsplätze – Stimmt nicht - Stimmt nicht

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