05.09.2013

Gregor Gysi (Linke): Niedrigster Friseur-Lohn in Thüringen liegt bei 3,50 Euro – Stimmt so nicht

Brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn? Beim TV-Dreikampf argumentiert FDP-Kandidat Brüderle dagegen. Die Friseure hätten gezeigt, dass sie eine Regelung ohne Staat finden könnten. Gysi hält dagegen: „Der niedrigste Lohn beim Friseur liegt in Thüringen bei 3,50 Euro.“ Fazit: Stimmt so nicht.

Zitat:

„Der niedrigste Lohn beim Friseur in Thüringen liegt bei 3,50 Euro.“

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Was checken wir genau?

Wir checken, ob es stimmt, dass in Thüringen der niedrigste Lohn von Friseuren bei 3,50 Euro liegt und ob es dieser Umstand zulässt, das Modell des Branchenmindestlohns als wirkungslos zu bezeichnen.

Worauf bezieht sich Gregor Gysi?

Das Bundestagsbüro von Gregor Gysi verweist auf Anfrage des #ZDFchecks auf „verschiedene Quellen über die Niedriglöhne bis zum 31.7.2013, also bis zum Zeitpunkt der tariflichen Einigung auf einen höheren Mindestlohn“. Neben der Gewerkschaft ver.di nennt es einen Artikel von „Zeit Online“, wonach in den Ost-Ländern Friseuren zwischen 3,05 und 4,51 Euro die Stunde gezahlt wurden.

Nachtrag:

Nach Gysis Bundestagsbüro meldet sich die Pressestelle der Linken-Fraktion. „Der Tariflohn im Friseurhandwerk in Thüringen hatte in der untersten Stufe bis zum 31.07.2013 eine Höhe von 3,14 Euro pro Stunde“, schreibt sie unter Verweis auf den Deutschlandfunk. „Nach zwei Arbeitsjahren stieg dieser Lohn auf 3,81 Euro pro Stunde. Der Mittelwert zwischen beiden Beträgen liegt bei 3,475 Euro pro Stunde.“

Seit dem 01.08.2013 hätten die Tarifpartner einen Mindestlohn von 6,50 Euro pro Stunde in den ostdeutschen Bundesländern vereinbart, erklärt die Linke weiter. „Dieser Mindestlohn gilt aber bisher nur in den tarifgebundenen Betrieben, die Mitglied in der entsprechenden Innung sind, da er bisher nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurde. Deshalb ist leider davon auszugehen, dass es auch derzeit noch Friseurbetriebe gibt, die ihre Beschäftigten deutlich unter dem vereinbarten Mindestlohn nach den bis vor kurzem geltenden Löhnen bezahlen.“

Die „Probleme bei der Erklärung der Allgemeinverbindlichkeit, die ja auch in anderen Branchen bestehen“, wären nach Meinung der Linken „auf dem schnellsten Weg zu lösen, indem ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn eingeführt wird, an den sich dann alle Unternehmen halten müssen“.

Stimmt es, dass in Thüringen der niedrigste Lohn bei Friseuren bei 3,50 Euro pro Stunde liegt?

Im Tarifvertrag aus dem Jahr 1995 ist festgelegt, was Friseure in Thüringen verdienen: einen Grundlohn plus eine Umsatzbeteiligung, wenn sie einen bestimmten Betrag erwirtschaften. Dazu kommt möglicherweise Trinkgeld. Der Tarifvertrag wurde 1999 für allgemeinverbindlich erklärt, gilt also für alle Friseure in Thüringen.

Nach dem Tarifvertrag liegt der niedrigste Grundlohn für einen Friseur in Thüringen zurzeit bei 3,18 Euro (im ersten oder zweiten Jahr einer Anstellung) oder bei 3,81 Euro (ab dem dritten Jahr).

Die Umsatzbeteiligung bekommt jeder Friseur, der (bei einem Vollzeitjob) mindestens 1.789,52 Euro netto im Monat umsetzt. Das entspricht laut Thüringens Landesinnungsmeisterin Sybille Hain einem Stundenumsatz von 11 Euro plus Mehrwertsteuer. Die Wirklichkeit sieht freilich manchmal anders aus: Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer berichten von Friseuren, die diese Umsatzbeteiligung nicht erhalten. „Ich weiß von solchen Fällen“, sagt Hain. Den Prozentsatz der Betroffenen kann sie nicht abschätzen, es seien nicht nur Einzelfälle. Gründe für fehlende Umsatzbeteiligung seien, dass der Soll-Umsatz nicht erreicht wurde – oder dass der Arbeitgeber den Mitarbeiter schlicht betrüge, indem er ihm diesen Teil des Lohns vorenthalte.

Die Gewerkschaft ver.di nennt dieselben Gründe. „In einem Laden in einer 1a-Lage in Erfurt können Sie den Soll-Umsatz sicherlich erwirtschaften“, sagt Corinna Hersel von ver.di in Thüringen. „In einem Dorfladen ist das schwieriger.“ Die Mehrheit der Friseure, die sich bei ver.di meldeten, erhielt nur den Grundlohn. „Dass keine Umsatzbeteiligung gezahlt wird, ist schon ein Stück weit repräsentativ für die Branche“, sagt Hersel.

Auch ein User verweist auf die kombinierte Bezahlung: „Erst heute habe ich online ein Stellenangebot für eine Stelle in einem kleinen Ort in Thüringen gesehen, in dem die Bezahlung „Grundlohn + Leistungszulage“ angegeben wurde“, schreibt Balor. „Ohne Kundschaft sinkt der Stundenlohn bis auf den Grundlohn.“

Seit 1. August befindet sich das Friseurhandwerk in ganz Deutschland auf dem Weg zu einem Branchen-Mindestlohn. Es geht also jenen Weg, den Rainer Brüderle favorisiert. Beschäftigte im Osten bekommen nach dem tariflich ausgehandelten Mindestlohn seit 1. August mindestens 6,50 Euro pro Stunde, ihre Kollegen im Westen mindestens 7,50 Euro. Bis zum 1. August 2015 steigt die Lohnuntergrenze bundeseinheitlich auf 8,50 Euro. Einschränkung: Bislang müssen diesen Mindestlohn nur die Betriebe zahlen, die Mitglied der Innung sind. In Thüringen betrifft das 558 Salons. Das sind 31 Prozent der rund 1.800 eingetragenen Betriebe.

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Demnächst soll sich auch das ändern: Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerkes will noch in diesem Monat einen Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrags stellen – stimmt das Bundesarbeitsministerium dem zu, sind auch Betriebe, die nicht in einer Innung Mitglied sind, verpflichtet, den Mindestlohn zahlen. Voraussetzung dafür: Mindestens 50 Prozent der angestellten Friseure müssen von dem neuen Mindestlohntarifvertrag erfasst werden. Weil auch die großen Ketten und viele Nicht-Mitglieder den Vertrag unterschrieben haben, ist das laut Zentralverband der Friseure gegeben.

Nach Angaben von Thüringens Landesinnungsmeisterin Hain können Friseure, die heute noch weniger als 6,50 Euro pro Stunde verdienen, mit einer Nachzahlung rechnen. Denn der Mindestlohn soll rückwirkend zum 1. August für allgemeinverbindlich erklärt werden. Daher haben laut Hain viele Friseure zum 1. August schon die Löhne erhöht.

Diese Betrachtung zeigt: Die Friseur-Löhne befinden sich zurzeit in einer Übergangsphase. Tatsächlich gab es in Thüringen bis 1. August Friseure, die etwa 3,50 Euro (Anfänger 3,18 Euro; ab dem dritten Berufsjahr 3,81 Euro) verdienen – und auch jetzt sind solche Niedriglöhne noch möglich. Doch das dürfte sich bald ändern, die Chancen, dass dieser Branchen-Mindestlohn für allgemeinverbindlich erklärt wird, stehen gut. Das Zwischenfazit für Gysis Aussage lautet daher: halb grün, halb rot.

Wie der Mindestlohn die Friseurbranche in Thüringen verändert, erklärt der Leiter des ZDF-Landesstudios, Andreas Postel:

Das #ZDFcheck-Fazit

Gregor Gysi hat Niedriglöhne im Thüringer Friseurhandwerk angeprangert, die es bis vor kurzem tatsächlich gab. Insofern stimmt diese Angabe zwar in der Rückschau. Sie stimmt aber nicht im argumentativen Streit zwischen ihm und dem FDP-Politiker Rainer Brüderle, ob ein t a r i f l i c h oder ein g e s e t z l i c h vorgeschriebener Mindeslohn der richtige Weg sei.


Den Einstieg in den t a r i f l i c h e n Mindestlohn für Friseure Anfang August blendet Gysi einfach aus. Die seither vereinbarte Mindestbezahlung von 6,50 Euro (im Osten) liegt deutlich über 3,50 Euro, die Chancen, dass sie rückwirkend zum 1. August für alle Friseure gilt, stehen gut. Vor diesem Hintergrund taugen die 3,50 Euro Friseurlohn im Streitgespräch mit Rainer Brüderle nicht, um die Wirkungslosigkeit eines Branchen-Mindestlohns nachzuweisen. Das Friseurhandwerk, auch in Thüringen, beweist gerade das Gegenteil: Der #ZDFcheck zieht daher das Fazit: Gysis Aussage stimmt so nicht.


Dieser #ZDFcheck wurde beendet. Die Redaktion hat ein Fazit gezogen. Vielen Dank an alle Helfer für die Hinweise und Beteiligung.

Insgesamt 4 Hinweise

  1. In der Sendung, die ich mir nachträglich angesehen habe, ist Gysis Aussage ein Kommentar zu einer Aussage Brüderles. Aber während Brüderle von einer Regelung spricht, die erst noch in Kraft treten muss, nennt Gysi einen Lohn im aktuellen Zustand, der nach der beschlossenen Regelung sogar nach dem ersten Schritt schon unhaltbar wäre. Selbst wenn die Zahl bei irgendeinem Friseur Tatsache sein sollte, kann sie demnach nicht die Wirkungslosigkeit eines Branchenmindestlohns begründen.

  2. Nach den Daten der Hans-Böckler-Stiftung ist der Stundenlohn in der niedrigsten Tarifgruppe in Thüringen bei 3,18 Euro, während in Bayern bei Tarifbindung 7,51 Euro gezahlt werden, in Nordrhein-Westfalen sogar 7,75.
    Quelle:
    http://www.tlz.de/web/zgt/wirtschaft/detail/-/specific/Loehne-hoechst-unterschiedlich-Friseure-besonders-schlecht-gestellt-749971938
    vom 20.12.2011

    Am Montag hatten sich die Gewerkschaft Verdi und die Landesverbände des Friseurhandwerks in Würzburg auf einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn geeinigt. Ab August 2015 sollen Friseure 8,50 Euro pro Stunde bekommen. Die Löhne sollen bis dahin in drei Stufen steigen. Im Osten bekommen die Friseure bereits ab August diesen Jahres 6,50 Euro. In den kommenden beiden Jahren dann jeweils einen Euro mehr. Der Westen startet bei 7,50 Euro.
    Quelle:
    http://www.mdr.de/thueringen/friseure_mindestlohn_preisanstieg100.html
    vom 23. April 2013

    • Frage bleibt, ob alle einen Stundenlohn bekommen bzw. nach (aktuellem) Tarif bezahlt werden. Ich vermute, dass das nicht der Fall ist, da der Tariflohn ja nur für
      >>Gewerkschaftsmitglieder in Innungsbetrieben<<
      gilt.
      Auch wird nicht überall pro Stunde bezahlt. Erst heute habe ich online ein Stellenangebot für eine Stelle in einem kleinen Ort in Thüringen gesehen, in dem die Bezahlung "Grundlohn + Leistungszulage" angegeben wurde. Da wird also quasi pro Kunde bezahlt, nicht pro Stunde. Ohne Kundschaft sinkt der Stundenlohn bis auf den Grundlohn. Gut möglich, dass dieser Grundlohn lächerlich niedrig ausfällt.

      Im Grunde müssten wir uns auf die Suche nach dem Extremwert machen, da Gysi ja vom "niedrigsten" spricht. Das würde bedeuten, dass ein einziger Fall seine Aussage bestätigte – eine Spitzfindigkeit, die zu Gysi passen würde.

Gregor Gysi (Linke): Niedrigster Friseur-Lohn in Thüringen liegt bei 3,50 Euro – Stimmt so nicht - Stimmt so nicht

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