17.06.2013

Gysi (Linke): Bei unter 10 Euro Lohn und 45 Jahren im Job reicht Rente nicht für Grundsicherung – Stimmt

Die Linke zieht mit einem Mindestlohn von zehn Euro in den Wahlkampf. Einen Grund dafür erklärt Gregor Gysi auf dem Parteitag: Jemand müsse 45 Jahre 10 Euro pro Stunde in Vollzeit erhalten, um eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erreichen. Das Fazit: Stimmt.

Zitat:

"Aber ich frage: Können wir gemeinsam nicht nur für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn eintreten, sondern uns wenigstens auf die Höhe von 10 Euro verständigen? Unter 10 Euro erreicht man nach heutiger Rentenformel nach 45 Beitragsjahren noch nicht einmal die Grundsicherung."

Bisherige Rechercheergebnisse:

So funktioniert's

Was checken wir genau?

Wir überprüfen, ob ein Arbeitnehmer, der 45 Jahre lang Vollzeit für unter 10 Euro Stundenlohn arbeitet, die Höhe der Grundsicherung nicht erreicht.

Was bedeutet Grundsicherung (Hartz-IV-Niveau)?

Wie viel Geld ein Hartz-IV-Empfänger bekommt, hängt von seiner persönlichen Lebenssituation ab. Zusätzlich zum Regelsatz von derzeit 382 Euro kommen Sonderleistungen wie Zuschüsse für Medikamente, die Babyausstattung oder Klassenfahrten. Außerdem werden die Kosten für Unterkunft, Heizung und Krankenversicherung übernommen.

Rentner, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten können, haben Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung im Alter nach dem vierten Kapitel des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XII). Auch diese Sozialleistungen richten sich nach dem Bedarf. Der durchschnittliche Bedarf von Empfängern von Grundsicherung ab 65 Jahren lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2011 (neueste Statistik) bei 698 Euro brutto.

Dieser Betrag entspricht ungefähr dem, was die Bundesregierung in ihrem „Neunten Existenzminimumbericht“ als „steuerfrei zu stellenden sächlichen Existenzminimum“ für 2014 festgelegt hat (8352 Euro pro Jahr) und das dem sozialhilferechtlichen Mindestbedarf entspricht.

Bei dem Vergleich der Rente einer Person, die 45 Jahre für knapp zehn Euro Brutto-Stundenlohn Vollzeit gearbeitet hat mit einer Person, die ihren Lebensunterhalt durch Sozialleistungen bestreitet, legen wir deshalb den Durchschnittsbedarf der Grundsicherung im Alter von 698 Euro zu Grunde.

Stimmt es, dass man eine Rente unterhalb des Grundsicherungsniveaus bekommt, wenn man 45 Jahre lang unter 10 Euro pro Stunde verdient?

Zunächst ist zu klären, was unter Vollzeitarbeit zu verstehen ist. Die Anzahl der Wochenstunden ist abhängig vom Tarifvertrag oder des individuellen Arbeitsvertrags. Üblicherweise beinhaltet eine Vollzeitstelle 38,5 oder 40 Arbeitswochenstunden. Der Berechnung legen wir einen Stundenlohn von 9,99 Euro über 45 Jahre zu Grunde, da Gysi von einem „Stundenlohn unter 10 Euro“ spricht.

 

Wie Ray2001 anmerkt, ist es schwierig eine seriöse Rentenprognose abzugeben, da die persönliche Rente von vielen Variablen abhängig ist. Deshalb handelt es sich hier um statistische Werte. Martin Reißig, Präsident des Bundesverbandes der Rentenberater, rechnet für den #ZDFcheck:

 

Bei einer 38,5-Stundenwoche ergeben sich monatlich 166,83 Arbeitsstunden (38,5 x 13 Wochen im Quartal / 3 Monate). Das ergibt einen Brutto-Monatslohn von 1.666,63 € (166,83 x 9,99). Bei 12 Monatsgehältern ergibt sich somit ein jährliches Bruttoarbeitsentgelt von 19.999,56 € (1.666,63 x 12).

Dieser individuelle Verdienst wird dem Durchschnittsentgelt aller Versicherten gegenüber gestellt und daraus werden sogenannte Entgeltpunkte gebildet. Geteilt durch das vorläufige Durchschnittsentgelt für 2013 in Höhe von 34.071,00 € ergeben sich 0,5870 Entgeltpunkte (19.999,56/34.071,00) pro Jahr.
Nach 45 Beitragsjahren, die Gysi ansetzt, ergäben sich so also insgesamt 26,4150 Entgeltpunkte (0,5870 x 45). Diesen Wert multipliziert man jetzt mit dem aktuellen Rentenwert (AR). Dieser Wert ist die monatliche Regelrente, die man für ein Jahr Beschäftigung mit Durchschnittsgehalt bekommen würde. Im Westen beträgt er zurzeit 28,07 Euro.

So ergibt sich für Gysis Fall laut dem Bundesverband der Rentenberater eine Monatsbruttorente in Höhe von 741,47 Euro (26,4150 x 28,07).

 

Wie Karolus1 richtig anmerkt, sind von der Bruttorente Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung zu zahlen. Die müssen wir abziehen, um seriös bewerten zu können, ob jemand Geld in Höhe der Grundsicherung bekommt. Der Rentneranteil an der Kranken- und Pflegeversicherung beträgt 10,5 Prozent. Zieht man die von der Bruttorente ab, landet man bei 663,62 Euro.

Wer 45 Jahre lang 9,99 Euro in der Stunde verdient und 38,5 Stunden pro Woche arbeitet, kann also mit einer Netto-Rente von rund 663 Euro rechnen. Das liegt unterhalb der Grundsicherung von rund 700 Euro.

 

Bei einer 40-Stundenwoche ergäben sich 27,4455 Entgeltpunkte. Diese würden multipliziert mit dem aktuellen Rentenwert von 28,07 Euro. Dies würde eine Monatsbruttorente von 770,40 Euro ergeben. Netto käme man auf rund 689,51 Euro Rente.

Sowohl bei einer Vollzeitstelle von 38,5 Wochenstunden als auch bei 40 Wochenstunden Arbeit liegt die errechnete Nettorente unterhalb der Grundsicherung. Deshalb zeigt das Zwischenergebnis grün.

Stimmt Gysis Aussage unter Berücksichtigung des Drei-Säulen-Modells der Altersvorsorge?

Die Alterssicherung in Deutschland steht seit vielen Jahren auf drei Säulen: der gesetzlichen Rente (s.o.), der privaten Eigenvorsorge sowie der betrieblich organisierten  Altersvorsorge. Insofern hat Gregor Gysi hier nur einen Teilbereich betrachtet.  Das Thema, das er anspricht, ist nicht neu. Dazu ZDF-Wirtschaftsexperte Reinhard Schlieker:

 

Insgesamt sorgen laut Alterssicherungsbericht der Bundesregierung 71,3 Prozent der Arbeitnehmer zusätzlich vor. Aber: Ausgerechnet im Niedriglohn-Bereich wird weniger zusätzlich vorgesorgt.  Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales räumt in dem Bericht ein: „Insgesamt wird deutlich, dass gerade die Bezieher geringer Einkommen noch zu wenig zusätzlich für das Alter vorsorgen. Rund 42 Prozent der Geringverdiener, das sind knapp 1,8 Mio. der gut 4,2 Mio. erfassten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem Bruttolohn von weniger als 1.500 Euro pro Monat, haben weder eine betriebliche Altersversorgung noch einen Riester-Vertrag.“

Nehmen wir dennoch einmal an, dass unser konstruierter Einzelfall einen Riester-Vertrag abschließt und in diesen nur soviel einzahlt, dass er die staatliche Förderung bekommt.  Stefan Albers, Präsident des Bundesverbandes der Versicherungsberater, rechnet diesen Fall für den #ZDFcheck durch.

Annahme: Ein heute 22-Jähriger, der in 45 Jahren in Rente geht und 20.000 Euro brutto im Jahr verdient, schließt einen Riestervertrag ab. Er zahlt 646 Euro im Jahr ein, um die maximale Förderung des Staates zu bekommen: 154 Euro pro Jahr. (Im ersten Jahr erhöht sich der Zuschuss noch mal um 200 Euro).

Nach 45 Jahren bekommt er zum Beispiel bei der Hannoverschen Leben eine garantierte Rente von 94,69 Euro im Monat. Klingt erstmal viel. Um das seriös in unsere Rechnung miteinzubeziehen, müssen wir die Inflation miteinberechnen. Eine jährliche Inflation von 2 Prozent würde dazu führen, dass unser Modell-Rentner im Monat eine Rente mit der Kaufkraft von 38,84 Euro bekommen würde.

Damit liegt selbst eine Person, die 45 Jahre lang für knapp zehn Euro die Stunde arbeitet, sowohl mit der staatlichen als auch mit einer zusätzlichen Riesterrente noch im Bereich der Grundsicherung. Auch für diese Zwischenfrage zeigt das Zwischenfazit grün.

Das #ZDFcheck-Fazit

Wer für einen Brutto-Stundenlohn von weniger als 10 Euro 45 Jahre arbeitet, wird eine gesetzliche Rente bekommen, die unterhalb der Grundsicherung liegt. In diesem Einkommensbereich würde an der Grundsituation des Rentners auch eine zusätzliche Riesterrente nichts ändern. Natürlich gibt es neben der Riesterrente noch unzählbar viele weitere Möglichkeiten, um vorzusorgen, wie viele User in den Hinweisen beschreiben: Die Riesterrechnung zeigt jedoch exemplarisch, in welchem Dilemma sich Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich befinden. Deshalb zieht die #ZDFcheck-Redaktion das Fazit zu Gysis Aussage: Stimmt.


Dieser #ZDFcheck wurde beendet. Die Redaktion hat ein Fazit gezogen. Vielen Dank an alle Helfer für die Hinweise und Beteiligung.

Insgesamt 37 Hinweise

  1. Hallo alle!

    Mal abgesehen davon, dass auch ich nicht der Meinung bin, die Aussage Gysis wäre dergestalt zu interpretieren, dass Riester mit einbezogen werden dürfte, möchte ich einen Vorschlag zur Güte machen:
    Lasst uns das mit Riester zumindest mal berechnen. Womöglich ergibt sich ja sogar dann noch eine wahre Aussage, wenn man Riester dazunimmt – ist ja im Moment noch etwas Luft (wenn auch nicht viel).

    In der Endbewertung sollte eine solche Berechnung aber fairerweise keinen Niederschlag finden, höchstens im Fazit als „würde man Riester mit einbeziehen…“.

    Ich fragte mich, wie man die Riesterrente überhaupt berechnen soll, da es ja tausende verschiedener Angebote gibt. Selbst, wenn ein Niedrigverdiener es schafft, jeden Monat Geld in einen Sparvertrag zu stecken, bleibt immer noch das Problem, dass die Auszahlungshöhe im Endeffekt stark variiert. Im Schnitt betrug bei dem Test der Stiftung Warentest für den Modellkunden 2012 (sicher kein Geringverdiener bei über 40.000€ im Jahr) die tatsächliche Auszahlung zwischen 148€ und 161€. Die Summe dürfte für Geringverdiener noch sinken – aber wohin?

    Mal ne kleine Milchmädchenrechnung:
    Der Modellkunde hat 30 Jahre lang inklusive Zulagen 1.200€ eingezahlt, insgesamt also 36.000€. Auf denselben Betrag käme theoretisch ein Geringvediener, der 45 Jahre lang einzahlt. Unterschied: der Geringverdiener müsste 45 Jahre lang Gebühren zahlen, deren aufsummierte Höhe ich nicht abschätzen kann. Glaubt man Ökotest, so sind gerade die Verträge für Geringverdiener mit besonders schlechten Vertragskonditionen behaftet. Sowas durchzurechnen ist eine Aufgabe von Stiftung Warentest oder Anbieter von Riesterverträgen, aber nichts für ein paar Amateure.
    => kein Ergebnis
    Ich bleibe mal optimistisch und gestehe dem Gerinverdiener 150€ pro Monat zu.

    Nehmen wir jetzt mal an, dass ein Geringverdiener allen Warnungen zum Trotz tatsächlich Geld in Riester steckt. Darf das Ergebnis von 45 Jahren Sparsamkeit einfach so, ohne irgendeine Bereinigung, auf die 700 Euro Grundleistung angerechnet werden? Welcher Kaufkraft entsprächen denn die 150€ Riesterrente des Jahres 2058 im Jahre 2013?

    Dafür lasse ich das Milchmädchen nochmal rechnen:
    45 Jahre sind eine lange Zeit, in der Geld viel an Wert verliert. Selbst, wenn man den offiziellen Verbraucherpreisindex nimmt (an dem ja auch gern getrickst wird), hat sich der Preisindex für die Lebenshaltung im Westen zwischen 1967 und 1999 von 37,8 auf 104,1 erhöht. Von da an gibt es nur noch den allgemeinen Verbraucherpreisindex, der sich bis 2012 weiter erhöht hat. Ich bin kein Statistiker, deshalb tu ich so, als wären die beiden das Gleiche und die Erhöhung bezöge sich auf dasselbe. Mit einigen Dreisätzen komme ich dann auf einen Faktor von 3,42 (342,1%), um den sich die Preise in diesen 45 Jahren erhöht haben.

    Wenn also ein Geringverdiener riesterte, dann bekäme er für seine 150€ Riesterrente nur die umgerechnete Kaufkraft von 150€/3,42 = 43,85€.

    All das Riestern bringt also selbst nach Milchmädchenrechnung für unsere Rechnung nicht mal 45€. Damit käme ein Geringverdiener vielleicht gerade so über die 700€-Grenze, würde aber vermutlich ordentlich draufzahlen.

    Vielleicht könnte jemand Berufeneres meine Rechnungen mal überprüfen und auf solidere Füße stellen. Wie schon eingangs erwähnt, sollten diese Zahlen aber außen vor bleiben und nur in der Bemerkung zum Fazit auftauchen. Ich stimme da mit dem Tenor des Forums überein.

    Quellen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Riester-Rente
    http://www.brutto-netto-rechner.info/riester-rente-rechner.php
    http://www.test.de/Riester-Rentenversicherung-Fuenfmal-gut-fuer-Riester-4441205-0/
    https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Preise/Verbraucherpreise/VerbraucherpreisindexLangeReihenPDF_5611103.pdf?__blob=publicationFile

    • Anmerkung:
      Ich bin, wenn ich von „Geringverdiener“ rede, von einem Einkommen von 20.000€/Jahr ausgegangen.
      .
      Außerdem entschuldige ich mich für die Wand. Ursprünglich war das etwas besser formatiert (wenn auch nicht weniger chaotisch geschrieben).

    • Hallo Balor,

      unser „Milchmädchen“ ist der Präsident des Bundesverbandes der Versicherungsberater und hat uns auch eine Modellrechnung erstellt. Das Ergebnis ist dem Ihren sehr ähnlich. Wir schreiben das gerade zusammen. VG

    • @ Balor

      Dass ein Geringverdiener 45 Jahre riestert, ist absolut unrealistisch.

      @ ZDFcheck-Team

      Einen Verbandsvertreter der Versicherungsberater, die schließlich auch mittelbar vom Privatvorsorgeboom profitieren, da sich deren Auftragsvolumen erhöht, ist eine fragwürdige Expertenwahl.

    • @Slapsticker
      Stimmt. Ich halte es schon für unrealistisch, dass Geringverdiener überhaupt riestern. Unter anderem deshalb will ich diese Zahlen ja auch nicht in der Bewertung sehen, sondern bestenfalls im Kommentar.
      .
      In wie fern und ob der Versicherungsberaterpräsident die Zahlen schönt, müsste durch einen anderen Experten – quasi von der Gegenseite (z.B. Verbraucherschutz) überprüft werden. Wenn die Zahlen aber nicht in die Bewertung eingehen, weil #ZDFcheck-Team einsieht, dass eine solche Berechnung eh wenig sinnvoll wäre, dann ist im Grunde egal, von welchem Experten sie kommen.
      .
      In diesem Zusammenhang erscheint mir auch das dritte Standbein, die betriebliche Altersvorsorge, nicht sinnvoll als Bewertungskriterium. „Nach der Rentenformel“ interpretiere ich nicht als „wenn jemand freiwillig alles macht und zahlt, was rentenmäßig möglich ist“. Und selbst wenn, ist ein Anteil von ~15% der Geringverdiener, die 2012 beides gezahlt haben, sicher nicht repräsentativ oder eine Garantie, dass dieselben dies dieses oder nächstes Jahr auch tun. Die Erwerbschroniken von Geringverdienern erlauben sowas idR nicht.
      .
      Wenn wir hier allerdings auf Biegen und Brechen alles zusammenrechnen wollen und uns einen Geringverdiener schnitzen, der sämtliche Konjunkturschwankungen unbeschadet im Job übersteht, zusätzliche Belastungen wegsteckt und trotzdem noch sowohl Riester- als auch Betriebsrente für 45 Jahre bezahlt – dann bekommen wir sicher auch einen Geringverdiener, der etwas mehr als die Grundsicherung herausbekommt.
      .
      Dem würde ich dann ganz gern in 45 Jahren die Hand schütteln. Ihm und seinen 4 Kumpels, die das Kunststück auch geschafft haben.
      .
      Ob eine solche Rechnung aber die Aussage Gysis widerlegt?
      Schließlich spricht er von der Rentenformel (http://de.wikipedia.org/wiki/Rentenformel). Zu der sagt Wikipedia:
      „Die Rentenformel nach deutschem Recht dient zur Berechnung der Höhe der individuellen monatlichen gesetzlichen Rente. Sie ist in § 64 des Sechsten Buch Sozialgesetzbuch normiert (SGB VI).“
      Da steht nichts von privater Vorsorge…

  2. Liebes #ZDFcheck-Team!
    Ich halte einen weiteren Check der Privatvorsorge nicht für sinnvoll, weil wir sonst das volle Programm checken müssten. Sozusagen wäre dann die „Büchse der Pandora“ geöffnet, und zwar:

    Erstens:
    Wenn dieser Satz von Frau Merkel stammen würde, dann wäre es sicherlich sinnvoll, die weitere Prüfung der privaten Säule vorzunehmen. Aber bei der Aussage eines Linken wäre es etwa so ähnlich, als würde man einem Vegetarier empfehlen mehr Fleisch zu essen. So wie ein Vegetarier kein Fleisch will, so wollen die Linken ja bekannlich keine private Vorsorge fördern. Daher wäre es zunächst mal erforderlich, sich mit dem politischen Kontext aus der Sicht von Gysi auseinanderzusetzen. Dann käme heraus, dass die Linke den Aufbau privater kapitalgedeckter Altersvorsorge als ursächlich dafür ansieht, dass die gesetzliche Rente heute so schlecht dasteht. Und in der Tat ist der Aufbau der Privatvorsorge mit dem teilweisen Abbau der gesetzlichen Rente erkauft worden. Das müsste gewürdigt werden.

    Zweitens:
    Bei der Einführung der privaten Altersvorsorge gab es lobbymäßige Seilschaften, die in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bisher ohne Beispiel sind. Als Beispiel und Symptom sei nur die innige Freundschaft des obersten Versicherungsvertreters der Nation mit dem ehemaligen Bundeskanzler, dem ehemaligen obersten Wirtschaftsweisen und dem ehemaligen Bundespräsidenten genannt. Dieser Zusammenhang zeigt auf, dass viele als „wissenschaftlich“ und „alternativlos“ dargestellte Thesen möglicherweise nur interessenbedingte Konstrukte sind. Das müsste untersucht werden.

    Drittens:
    Es geht im Grunde immer noch um eine Prognose für die nächsten 45 Jahre. Da wirken sich folgende Sachverhalte aus:
    a) Die demografische Entwicklung
    b) Die Vor- und Nachteile des Umlageverfahrens
    c) Die Vor- und Nachteile des Kapitaldeckungsverfahrens
    d) Wer profitiert von den Vorteilen oder leidet unter den Nachteilen jeweils bei b) und c)?
    e) Die Lohnpolitik und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
    Das müsste natürlich auch mal gecheckt werden.
    Sehenswert dazu:
    http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta120401.php

    Viertens:
    Erforderlich ist die Berücksichtigung des Mackenroth-Prinzips, nach dem nicht mehr als das Volkseinkommen für Transferleistungen, egal ob umlagefinanziert oder kapitalgedeckt, zur Verfügung steht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mackenroth-These

    Fünftens:
    Die spannende Frage wäre zu beantworten, ob das demografische Problem wirklich dadurch gelöst werden kann, dass man kapitalgedeckte Versicherungen abschließt? Werden denn dann mehr Kinder geboren?

    Sechstens:
    Die Transferzahlungen in Form von Rettungsschirmen für das Kapitaldeckungssystem und die steuerfinanzierten Zuschüsse für Riesterrenten, die von den Provisionen und Gebühren aufgefressen werden, müssten dem (politisch verursachten) Defizit der gesetzlichen Rentenversicherung gegenüber gestellt werden.
    —–
    Beste Grüße und nix für ungut!
    Euer Karolus1

    • Lieber Karolus1, danke, dass du unseren Prozess kritisch hinterfragst. Wir werden die private Altersvorsorge dennoch einbeziehen, denn aktuell ist sie Teil des Rentensystems, in dem auch die Zahl, die Gysi nennt, entstanden ist. Deine Erwägungen zu zukünftigen Entwicklungen zielen eher auf den politischen Kontext, weniger auf den sachlichen Hintergrund, den wir hier ausleuchten. Im Check wollen wir ja ohnehin keine Empfehlungen aussprechen, sondern lediglich im aktuellen Kontext umfassend prüfen. Wir wollen deine Anmerkungen aber im Fazit einbeziehen.
      Danke nochmals und herzliche Grüße,
      Tim, #ZDFcheck-Team

    • @ Tim, #ZDFcheck-Team

      Unabhängig vom politischen Kontext bleibt es ein Ding der Unmöglichkeit das zukünftige Rentenniveau von Geringverdienern und v. a. -innen unter Einbezug privater Vorsorge auch nur einigermaßen akkurat abschätzen zu wollen. Man kann nicht einfach die gesetzliche ‚Nettorente‘ von ca. 663 € eines zukünftigen Modellrentners als Ausgangspunkt nehmen und etwaige Privatvorsorge on top packen, denn dieser Rentner ist – aus den hier in extenso explizierten Gründen – nicht ansatzweise repräsentativ für Rentner dieses Einkommenssegmentes. Um bestimmen zu können, welcher Geringverdiener am Ende inkl. Privatvorsorge, so er denn dorthinein investiert, unterm Strich wie viel haben wird und ob dies dann zusammengenommen oberhalb der Grundsicherung liegen würde, müsste man im Grunde erwerbsbiografiespezifisch unter Berücksichtigung von jeweiligen Einkommenshöhen im Zeitverlauf unter Einbezug seiner jeweilig angesammelten Entgeltpunkte und der monatlichen späteren ‚Ausschüttung‘ seines individuellen privaten Riester-Vertrags o. Ä. prüfen, wer am Schluss die Grundsicherungsschwelle ‚überschreiten‘ kann. Für Geringverdiener/innen dürfte dies trotz privater Zusatzvorsorge, die ja ohnehin nur in geringem Umfang möglich ist, wobei verschiedene erwerbsbiografische Erschwernisse noch hinzukommen, der Ausnahmefall sein – jedenfalls dann, wenn man wirklich realistisch alle relevanten Einflussgrößen einbezieht. Daher sind solche Ausnahmen schlicht nicht von Belang im Hinblick auf Gysis Aussage. Hinzu kommt, dass man zwangsläufig Äpfel mit Zitronen in einen Topf werfen würde, wenn man einen ein reines Rechenexempel, wie Gysi es zur Verdeutlichung seiner These nutzt, mit empirischen Sachverhalten, die zudem realistisch nicht wirklich eruierbar sein dürften, verquickt. MfG

    • Bereits eine zuverlässige Aussage der Entwicklung des von der Volkswirtschaft abhängigen umlagefinanzierten Systems ist auf 45 Jahre unsicher. Als die heutigen Rentner oder die es bald werden ihre Rente in jungen Jahren hochrechneten hatten sie die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen sicherlich nicht mal erahnt.

      Gysis Aussage bezieht sich auf die heutige Rentenformel. Das ist überprüfbar. Alles andere ist der Glaube an die Zukunft. Angesichts der aktuellen Ereignisse in der Finanzwirtschaft und den politischen Entscheidungen diesbezüglich dürften auch viele den Glauben an eine sichere Geldanlage im Kapitalmarkt verloren haben.

      So lange die private Rente nicht gesetzlich vorgeschrieben ist sondern freiwillig ist kann man sie nicht als tragende Säule einbeziehen. Es werden nur die „Riestern“ die es sich leisten können und davon profitieren. Schon etwas älter aber danach „Riestern“ vorallem die Besserverdienenden und Zuschüsse erhalten nur die am besten verdienen.
      https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/FinanzenSteuern/OeffentlicheHaushalte/RiesterRente5799501087004.pdf;jsessionid=63ECB4889080620E47444150E617B3C1.cae2?__blob=publicationFile

      Wie bereits unten geschrieben bedeutet private vorsorge auch Lohnkürzung und wer wenig hat kann sich die auch am wenigsten Leisten.

    • @Tim, #ZDFcheck-Team
      Also Gysi spricht in dem o.g. Zitat lediglich von der Rentenformel und die gibt es nur in der staatlichen Rente! Wenn man schon die Aussage pruefen will, dann muss man sich auch an diese halten.

      Deweiteren zielt Herr Gysi mit seiner Aussage natuerlich auch nicht auf ein Gehalt von 9,99 Euro, dass muss man natuerlich auch im Hinterkopf haben (Mindestlohn von ca. 7 Euro fuer Leiharbeiter).
      Aber selbst bei 9,99 Euro ist es nicht unbedingt moeglich ueberhaupt eine private Vorsorge abzuschliessen, desweiteren sind die garantierten Renten bei nahezu allen Vertraegen wirklich gering. Wie auch mehrfach gesagt, muss man insbesondere bei den heutigen Finanzkriesen, davon ausgehen, dass die Versicherung wegbrechen bzw. nur den garantierten Wert ausschuetten. Ausserdem gibt es zig private Rentenmoeglichkeiten, da etwas zu „berechnen“ halte ich fuer unserioes.

    • Wenn man sich bei Finanztest die Antworten durchliest die für die Riesterrente sprechen wird klar es gibt keinen.
      Da wird gesagt das Steuergelder das „Riestern“ rentabel machen. Wo ist der unterschied ob man die zusätzlich zur normalen umlagefinanzierten Rente bekommt oder über ein Rentenvertrag? Zahlen tut es immer der Steuerzahler.

      Zitat gekürzt:

      „Vorwurf: Riester lohnt nicht bei niedrigem Einkommen

      Stimmt so pauschal nicht. Gerade durch die Zulagen lohnt sich die Riester-Förderung für Menschen mit niedrigem Einkommen. Denn bei ihnen sind die staatlichen Zuschüsse im Verhältnis zum eigenen Sparbeitrag besonders hoch….

      Obendrein gibt man zu das man noch an den Falschen geraten kann und dann draufzahlt

      Zitat gekürzt:
      „Vorwurf: Riester ist zu teuer und macht die Anbieter reich

      Stimmt häufig. Dies trifft auf Riester-Verträge leider genauso zu wie auf andere Finanzprodukte. Aus sozialpolitischen Gesichtspunkten nachzuvollziehen ist auch die Kritik, dass durch die Förderung der Riester-Rente Steuergeld zum Aufbau einer privaten Altersvorsorge verwendet und dabei die Finanzbranche gestärkt wird.“

      Das Riestermodell versagt für die Ziehlgruppe der Geringverdiener denn es wird aus Steuergeldern getragen sofern was nach Abzug der Kosten übrig bleibt.

      http://www.test.de/Serie-Riester-Rente-Teil-5-Kritik-an-Riester-Was-an-der-Kritik-dran-ist-4363028-0/

    • @chris711:
      Da hast du ja sogar das passende Zitat auf der verlinkten Seite und postest es nicht einmal 😉 Auch wenn der Satz sehr wage Formuliert und nicht begründet ist:
      […] Nur für Menschen, die im Alter so wenig Geld haben, dass sie staatliche Sozialleistungen brauchen, bringt Riester-Sparen bisher tatsächlich nichts.[…]

  3. @ZDFcheck-Team
    Die einzige sinnvolle Lösung würde in einer Korrektur der Überschrift bestehen. Falls jetzt „Stimmt“ rauskommt, dann widerspricht das der Überschrift, weil zu heftige Prognose.
    Falls „Stimmt so nicht“ rauskommt, dann widerspricht das der sehr vorsichtigen und genauen Formulierung von Herrn Gysi.
    Spannend ist nur noch die Frage ob Sie genug Größe besitzen um diesen Fehler zuzugeben und ihn zu korrigieren…
    Oder sind Sie der Meinung Gysis Aussage entspricht der Aussage in der Überschrift?

  4. Hallo Zusammen,

    danke für die Hinweise. Ist die private Vorsorge in dem Bereich relevant: Ja oder nein? Genau das ist die spannende Frage. Lasst uns zuerst auf die Suche nach Zahlen gehen, wie viele Menschen in welchem Einkommenssegment riestern. Gucken gerade in den Alterssicherungsbericht der Bundesregierung rein: http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Gesetze/alterssicherungsbericht_2012.pdf?__blob=publicationFile

    Weitere Quellen?
    VG, Sonja Schünemann vom Checkteam

    • Natürlich kann man das prüfen, aber es gehört nicht zur Aussage. Und es wurde hier schon oft genug gesagt, dass sich nur daran gehalten werden soll.
      Und Riester halte ich auch für eine schlechte Idee, ist aber zum Glück ja nicht die einzige Variante, daher muss man auch weitere Möglichkeiten beachten.
      Inbesondere wird, je nach Variante, entweder von Brutto-/Netto-Lohn eingezahlt und später die Rente versteuert oder auch nicht. Bei unter 10 Euro (und insbesondere bei 5, 6 Euro) ist private Altersversorgung m.M.n. eh kaum möglich.

    • Dem Bericht ist zumindest schon einmal zu entnehmen, dass über 40 % der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Geringverdiener („mit einem Bruttolohn von weniger als 1.500 Euro pro Monat“) weder riestern noch über eine betriebliche Altersversorgung verfügen. (Vgl. S. 162) Damit sind jedoch alle Geringverdiener, die nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, gar nicht erfasst, was eine deutliche Verzerrung bedeuten dürfte. Außerdem ist dem Bericht zu entnehmen, dass der Anteil der ‚Riesterer‘ alterspezifisch stark variiert. Dabei ist zu bedenken, dass die Älteren mit deutlich niedrigeren ‚Riesterraten‘ zahlenmäßig demografiebedingt einen größeren Anteil ausmachen. Überdies spiegeln die derzeitigen Quoten nicht die Langfristentwicklung wider, die Realverluste durch vorzeitig gekündigte Veträge werden also gar nicht ausgewiesen. Dies schmälert aber zusätzlich den Anteil derjenigen, der künftig überhaupt private Altersvorsorge erhält. Die Liste ließe der Datenmängel sich fortsetzen.

      Meines Erachtens wäre es auch zwingend, zu berücksichtigen, dass viele Riesterverträge im Ergebnis realiter nicht mehr bringen als die Sparstrumpf-Option (s. die verlinkte DIW-Studie).

    • Die private Altersvorsorge sollte man bei diesem Faktencheck völlig außen vor lassen.
      Einmal können sich Geringverdiener die private Altersvorsorge garnicht leisten.
      Dann habe ich noch die Diskussion im Kopf das die private Altersvorsorge die Grundsicherung drückt.
      Außerdem rüttelt es an der Aussage von Bernd Riexinger das die Reallöhne gesunken sind. Die private Altersvorsorge geht voll vom Netto ab und wird vermutlich nicht vom statistischen Warenkorb erfasst. Lohnnebenkosten ist auch Lohn der in Form von Sozialleistungen ausgezahlt wird.

    • @ Michael Mer
      Zustimmung! Es ist auch deshalb höchst problematisch, die private Altersvorsorge als zusätzliches Prüfkriterium heranziehen zu wollen, weil Gysis Aussage sich auf einen real ziemlich seltenen Fall von Geringverdienern mit 45 Beitragsjahren bezieht. Seine Behauptung, dass selbst ein solcher bei einem Verdienst unter 10 € nicht auf Grundsicherungsniveau kommt, ist erwiesen. Man kann dem jetzt jedoch nicht einfach empirische Daten zur privaten Altersvorsorge gegenüberstellen, da ein Geringverdiener, der im Verlauf seiner Erwerbsbiografie heutzutage noch auf 45 Beitragsjahre kommt, ein sehr seltener Fall sein dürfte. Auch lassen sich irgendwelche Durchschnittswerte für Riester-Renten von Geringverdienern ja nicht einfach auf den Maximalbetrag desjenigen, der 9,99 € verdient hat und 45 Jahre lang Beitragszahler gewesen ist, draufrechnen, weil die meisten Geringverdiener weder auf den Grenzbetrag beim Lohn noch auf 45 Beitragsjahre kommen werden. Im Grunde müsste man daher für jeden Lohnempfänger unterhalb der Schwelle eine Rentenrechnung gemäß der individuellen Beitragsjahre etc. anstellen und dann zum so ermittelten Rentenbetrag seinen – wiederum von vielen Faktoren abhängigen – Riesterbetrag hinzuaddieren. Je entfernter der Geringverdiener dann nach Rentenkalkulation (gesetzliche Rente) noch vom Grundsicherungsniveau wäre, desto höher müsste dann der aus einer zusätzlichen Riesterrente resultierende Kompensationsbetrag ausfallen, damit er dann in summa auf einen das grundsicherungsniveau übersteigenden Betrag kommen könnte. Dies auch nur halbwegs akkurat durchrechnen zu wollen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    • Noch was: „Der ‚Eckrentner’ wird jedoch immer mehr zum Auslaufmodell. Das Normalarbeitsverhältnis liegt nur bei 66 Prozent. Fast die Hälfte der Frauen ist atypisch beschäftigt, und 70 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor sind Frauen.“ http://www.ichwillrente.net/fileadmin/templates/dgb/uploads/pdf/Rente_mit_Zukunft_12-06-19/120814_Renten-Rechner.pdf Es sollte klar sein, dass nicht nur Geringverdiener generell, sondern insb. geringverdienende Frauen mehr ‚Ausfallzeiten‘ haben und daher in sehr vielen Fällen gar nicht auf 45 Beitragsjahre kommen. Selbst wenn diese Frauen 45 Jahre Beiträge leisten, so wird die hohe Teilzeiterwerbsquote weiblicher Beschäftigter die DRV-Rente schmälern. Die gesetzlichen Renten liegen daher wohl zumeist noch deutlich unter dem im Rechenbeispiel oben ausgewiesenen Maximalbetrag. Sofern sie privat zusätzlich vorsorgen, muss also der daraus resultierende Betrag deutlich höher ausfallen als die Differenz von gesetzlicher ‚Nettorente‘ und Grundsicherungsleistung. Daher kommt man mit einer Untersuchung des Riesteranteils von Geringverdienern nicht weiter.

    • Noch ’ne Ergänzung: „Bei den rentennahen Jahrgängen erreichen Frauen im Westen 27,8 Jahre einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, Männer kommen durchschnittlich auf 38,4 Jahre, in denen Rentenanwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben wurden. In den neuen Ländern kommen die rentennahen Jahrgänge auf eine höhere Anzahl von Versicherungsjahre: Frauen waren dort im Schnitt 39,7 Jahre versichert, Männer 43,5 Jahre.“ http://www.gruene-partei.de/cms/default/dokbin/247/247322.irmingard_schewegerigk.pdf Zwar wird die Datenquelle nicht ausgewiesen und das Paper ist schon etwas älter (2008), aber der Tendenz nach wird das auch für heutige Erwerbsbiografien nicht gänzlich falsch sein. Es zeigt einmal mehr, dass eine ‚Rentenlücke‘ bei den Beitragsjahren schon im Durchschnitt bei Frauen beträchtlich ist. Wenn man dann auch noch einbezieht, dass ostdeutsche Frauen rentennaher Jahrgänge womöglich noch einen relativen Vorteil bei der Beschäftigungsdauer hatten, was bei jüngeren Jahrgängen so nicht mehr der Fall sein wird, und überdies Geringverdiener überproportional von ‚Ausfallzeiten‘ betroffen sind und wohl auch weiterhin sein werden, dann wird einem das potenzielle Ausmaß künftiger Niedrigrenten erst richtig bewusst.

  5. Bei der Auswahl von Publikationen, Daten oder Experten wäre zunächst zu bedenken, dass es sich um ein lobbyvermintes Feld handelt. Als Beispiel will ich das MEA anführen: https://lobbypedia.de/wiki/Munich_Center_for_the_Economics_of_Aging Des Weiteren sind valide quantitative Daten über eine zukünftige tatsächliche allmonatliche Rentenaufstockung durch private Altersvorsorge von Geringverdienern allein schon deshalb ziemlich schwer zu ermitteln, weil die Mannigfaltigkeit der Altersvorsorgeprodukte eine solide und realistische Abschätzung über zukünftige regelmäßige Auszahlungen kaum zulässt. Allenfalls ließe sich mit Garantierenten rechnen. Aggregierte Daten, die oftmals mit Durchschnittswerten operieren, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. So tendiert beispielsweise der Aussagewert der Feststellung, dass 18 % der Einkommensbezieher (ohne ALG-II-Bezieher) im ersten Quintil einer nach bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen gewichteten Staffelung ‚riestern‘ – http://doku.iab.de/kurzber/2012/kb1512.pdf -, gen null. Weitere Komplikationen ergeben sich daraus, dass Geringverdiener häufiger diskontinuierliche Erwerbsverläufe aufweisen, weshalb sich in der Langfristperspektive höhere kumulierte Kündigungsraten einstellen dürften, dass neben der Einzahlhöhe auch Alter, Vertragsabschlusszeitpunkte und dergleichen berücksichtigt werden müssen. Kurzum: Für die Teilgruppe der Einkommensbezieher mit Löhnen unterhalb von 10 €/h den tatsächlichen Monatsaufstockungsbetrag der Alterseinkommen aufgrund privater Zusatzvorsorge zu ermitteln dürfte sich realiter als ein Ding der Unmöglichkeit herausstellen. Da sich derartiges statistisch valide nicht prüfen/ermitteln lässt und sich zudem die Aussage Gysis – wie bereits mehrfach von anderen erwähnt – auf die gesetzliche Rente bezieht, sollte man’s dabei belassen.

  6. Gysi sagte laut Zitat: „nach heutiger Rentenformel“.
    Er beschränkt seine Aussage damit auf die gesetzliche Rente.
    Er beschränkte seine Aussage damit auf den Wert den man heute theoretisch mit dieser Formel bei Verwendung der angegebenen Werte ermitteln würde.
    Insofern ist die Überschrift „Bei unter 10 Euro Lohn und 45 Jahren im Job reicht Rente nicht für Grundsicherung – Stimmt das?“ schon eine Manipulation seiner Aussage, denn der Begriff „Rente“ enthält mehr als die theoretische Anwendung der Rentenformel.
    Wenn Karolus1 richtig gerechnet hat, dann stimmt die Aussage von Herrn Gysi, die Überschrift über diesen ZDF-Check aber eventuell nicht.

  7. Die Bedenken von Karolus1 teile ich. Überdies wäre zur Beurteilung der ausstehenden Frage empirisches Datenmaterial unabdingbar. Falls überhaupt betriebliche bzw. private Zusatzvorsorge betrieben wird, wenn man 10 € oder weniger verdient, dürfte der Anteil derjenigen, die damit dann insg. signifikant über der Grundsicherung liegen werden, wohl ziemlich gering ausfallen. Ein bloßer Verweis auf die Möglichkeit wäre wirklichkeitsfremd.

  8. Ihr seid doch sonst so kritisch, nur die Aussage selbst zu pruefen. Private Altersvorsorge gehoert nicht zur Aussage.

  9. @Ray2001
    Wenn man jährliche Rentensteigerungen berücksichtigt, müssten logischerweise auch Steigerungen der Löhne (Durchschnittsentgelt in der Rentenberechnung), Steigerungen des Mindestlohnes UND natürlich auch der Grundsicherung betrachtet werden – außerdem die Entwicklung der Preisindizes der nächsten 45 Jahre.
    Aber: Gibt es eine „seriöse“ Zukunftsprognose? Kein Mensch weiß wirklich, wie die Steigerungsraten der Löhne, der Grundsicherung und der Preise in den kommenden 45 Jahren aussehen wird! Deshalb plädiere ich dafür, zunächst nur nominal zu rechnen.
    ————————
    Mit der Rentenformel
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rentenformel
    und deinem Bruttoeinkommen von 19.200 EUR p.a. berechne ich Folgendes (West):
    ————————
    EP = 19.200/34.071 = 0,5635 (2013, West)
    ZF = 1
    RAF = 1
    aRW = 28,14 (2013, West)
    ————————
    Bruttorente (monatlich) = 45 * EP * ZF * RAF * aRW
    Bruttorente (monatlich) = 45 * 0,5635 * 1 * 1 * 28,14 Euro
    Bruttorente (monatlich) = 713,56 Euro
    minus KV/PV = minus 72,43 Euro (8,2% + 1,95%)
    ———————————————
    Nettorente(monatlich) = 641,13 Euro (West)
    ===========================
    Der Faktor EP würde übrigens im Zeitablauf immer kleiner werden, wenn das Durchschnittsentgelt von 34.071 Euro gesteigert werden würde (Nenner im Bruch wird größer). Stiege Mindestlohn und Durchschnittsentgelt gleichmäßig (proportional), so bleibt EP = konstant!
    Der Teufel steckt jedoch im Faktor aRW. Als Lektüreempfehlung:
    ————————–
    http://de.wikipedia.org/wiki/Aktueller_Rentenwert
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rentenanpassungsformel
    ————————–

  10. Also ich würde das Problem so angehen:

    Annahmen:
    – Aktuelle Grundsicherung (gem. Brutto/Netto-Rechner) = 374 EUR p.m. (ohne Zusatzleistungen, die man in Anspruch nehmen könnte)
    – 10 EUR/Std. bei 40 Std. Woche = 1600 EUR Brutto p.m. oder 19.200 EUR p.a.
    – Gysi spricht von 45 Betragsjahren, also ist die zu vergleichende Person heute 22 Jahre alt und geht mit 67 in Rente. Wir rechnen also mit einem Menschen, der ab heute erst in 45 Jahren in Rente geht und nicht mit einem, der schon 45 Jahre gearbeitet hat und heute 67 Jahre alt ist und heute in Rente geht.
    – Wir unterstellen weiter, dass der Mindestlohn über die 45 Jahre gesetzlich unberührt und damit konstant bleibt
    – Wir unterstellen auch, dass die Grundsicherung über die nächsten 45 Jahre konstant bleibt nicht angepasst wird
    – Nun ein kritischer Punkt für eine seriöse Rentenprognose: Die durchschnittliche jährliche Rentenanpassung und die durchschnittliche Inflationsrate: Ich unterstelle eine jährliche Rentenanpassung von 1% und übernehme die durchschnittliche Inflationsrate der letzten 50 Jahre = 2,8% p.a.

    => Ergebnis: Rente mit 67 = 919 EUR in den alten Ländern und 984 EUR in den neuen Ländern (ja, so war das Ergebnis beim Online-Rechner)

    Inflationsbereinigt wären das nur 265 EUR (alte Länder) oder 284 EUR (neue Länder). Allerdings ist es nicht statthaft, nur die zu erwartende Rente um die Inflation zu bereinigen und nicht die Grundsicherung bzw. den Mindestlohn, die sicherlich auch noch Anpassungen in den nächsten 45 Jahren erfahren werden.
    Daher sollten hier keine Inflationsbereinigten Zahlen verglichen werden.

    => Mein Fazit: Gysis Aussage stimmt nicht, wenn man die nominalen Zahlen vergleicht. Nur, wenn man unzulässigerweise ausschließlich die Rente inflationsbereinigt, kommt in 45 Jahren eine niedrigere Rente raus, als die derzeitige Grundsicherung.

    • Hallo Ray2001,
      gucken Sie mal oben: Wir gehen als „Grundsicherung“ von knapp 700 Euro aus, weil die Botschaft hinter der Aussage ja ist, dann jemand mit einem geringen Stundenlohn sich später nicht selbst versorgen kann.
      VG vom ZDFcheck-Team

  11. Beim Vergleich der Rente mit der Grundsicherung wäre zu beachten, dass von der Rente noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen werden.

  12. Bei der Bestimmung des Rentenwertes kommt es u.a. darauf an, wie der Wert von 10 Euro pro Stunde zu verstehen ist. Sicher ist es nicht plausibel, diesen Wert für die vorgegebenen 45 Beitragsjahre konstant zu halten, sondern ihn entsprechend der Lohnentwicklung anzupassen. Diese hängt wiederum von vielen Faktoren (Branche, Region, Beschäftigungsverhältnis etc.) ab; außerdem sind die Zahlen nicht ganz so einfach öffentlich verfügbar. Als Näherung habe ich daher die allgemeine Preissteigerungsrate laut Statistischem Bundesamt (http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Preise/Verbraucherpreisindizes/Tabellen_/VerbraucherpreiseKategorien.html) bzw. für die Jahre vor 1993 laut Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Preisindex) herangezogen; der Lohn steigt demzufolge von 2,88 EUR/h im Jahr 1968 auf 10,00 EUR/h im Jahr 2013. Bei einem 65-jährigen Arbeitnehmer, der im Juli 1968 seine Berufstätigkeit aufgenommen hat und Ende Juni 2013 nach 45 Berufsjahren in Rente geht, und bei durchschnittlich 1.760 Arbeitsstunden im Jahr (44 Wochen mit 40 Wochenstunden) ergäbe sich dann laut Rentenrechner auf http://www.n-heydorn.de/rentenrechner.html eine Monatsrente von heute 717 EUR und somit knapp 3% mehr als die Grundversorgung. In wie weit dies auch für die Zukunft zutrifft, ist natürlich schwer abzuschätzen. Da aber die Rente durch den Nachhaltigkeitsformel aufgrund der demografischen Entwicklung über die nächsten Jahre eher etwas niedriger ausfallen wird als bisher, dürfte dieser geringe Vorsprung relativ schnell aufgezehrt sein, so dass die Aussage für die Zukunft im Kern wohl zutrifft.

  13. Also, ich habe mal ganz kurz auf „www.brutto-netto-rechner.info“ rumgespielt und käme, bei dauerhaft 10 Euro und 40 Wochenstd. Arbeit auf folgende Renten-Werte:
    Neue Bundesländer: 727 Euro/Monat
    Alte Bundesländer: 679 Euro/Monat
    (Rente mit 67, nicht inflationsbereinigt, keine Anpassungen, etc.)

    (Ist nur als Ideen-Anstoß zu verstehen , für solche Zukunftsprognosen ist das nicht gedacht.)

  14. Ich habe 40 Jahre Beitrag gezahlt, davon 30 Jahre den Durchschnittsbeitrag aller Handwerker als Selbstständiger (ca. 850 Euro/Monat) – wie das die Rentenversicherung so schön formuliert und bekomme 770 Euro Rente nach 10,2% Abzug, weil ich Krank mit 60 in Rente ging. Das verdanke ich der letzten Rentenreform von Rot-Grün mit ihrer Brutalabsenkung.
    Wie bitte schön soll dann jemand an oder über die Grundsicherung kommen der nur 10 Euro oder weniger die Stunde verdient?
    Das kann nicht gehen und so wird wohl in Zukunft der Steuerzahler immer mehr draufpacken müssen.
    Noch weniger als 10 Euro ergeben dann im Alter nur noch ein Taschengeld, das für gar nichts reicht.

  15. Ich frage mich, wie der liebe Herr Gysi da gerechnet hat. Eine Din-A4-Seite Beweis wäre hier angebracht, fordert man von uns in der Uni auch bei jeder These. Ich bezweifle aber, dass er das liefern kann…

Gysi (Linke): Bei unter 10 Euro Lohn und 45 Jahren im Job reicht Rente nicht für Grundsicherung – Stimmt - Stimmt

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