12.07.2013

Kipping (Linke): 40 Prozent der Beschäftigten im Osten unterhalb Niedriglohnschwelle – Stimmt teilweise

Rot-grün fordern einen Mindestlohn von 8,50 Euro. “Zu niedrig”, befindet Die Linke und will zehn Euro. Insbesondere Arbeitnehmer aus Ostdeutschland würden profitieren, sagt die Linken-Chefin, dort befänden sich 40% der Beschäftigten unter der Niedriglohnschwelle. Das #ZDFcheck-Fazit: Stimmt teilweise.

Zitat: „Besonders ostdeutsche Beschäftigte würden von einem Mindestlohn profitieren, denn es ist heutzutage so, dass 40 Prozent aller Beschäftigten in Ostdeutschland einen Lohn unterhalb von der Niedriglohnschwelle haben und in Westdeutschland sind es 20 Prozent.“

Bisherige Rechercheergebnisse:

So funktioniert's

Was checken wir?

Wir überprüfen, wie viele Beschäftigte in Ostdeutschland einen Verdienst unter der Niedriglohnschwelle haben.

Stimmt es, dass sich 40 Prozent der Beschäftigten im Osten unterhalb der Niedriglohnschwelle befinden?

Nach der Definition der OECD beziehen all jene einen Niedriglohn und liegen damit unterhalb der Niedriglohnschwelle, die weniger als 2/3 des mittleren Bruttolohns erhalten. Mit dieser Annahme arbeiten auch das statistische Bundesamt, die Agentur für Arbeit und die Wissenschaft. Das heißt: Ausgangspunkt ist der mittlere Bruttolohn aller Beschäftigten. Wer weniger als 2/3 davon verdient, gilt als Niedriglöhner.

Für Deutschland werden in der Literatur unterschiedliche Niedriglohnschwellen ausgewiesen: Eine für Gesamtdeutschland und je eine separate Schwelle getrennt für Ostdeutschland und Westdeutschland.

Die Bundesagentur für Arbeit gibt in ihrer Bruttoentgeltstatistik für 2010  beide Varianten an: Die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle liegt danach bei 1802 Euro monatlichem Bruttoverdienst. Danach liegen 22,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten (ohne Auszubildende) in Deutschland unterhalb der Niedriglohnschwelle – 18,7 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland, 40,1 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland. Damit hat Deutschland in der EU den siebtgrößten Niedriglohnsektor.

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Die nach Ost und West aufgeschlüsselten Schwellen verändern das Ergebnis im Detail gravierend: Bei Schwellen von 1890 Euro für West und 1379 für Ost verdienen in Westdeutschland 20,8 Prozent einen Niedriglohn, im Osten 21,2 Prozent.

Katja Kipping bezieht sich in ihrer Aussage also auf die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle und hat unter diesem Gesichtspunkt mit ihrer Aussage Recht.

Wendet man die für Ost und West getrennten Schwellen an, stimmt ihre Aussage nicht, denn dann verdienen 21,2 Prozent der Beschäftigten im Osten einen Niedriglohn.

Welche Schwelle ist die sachgerechte?

Slapsticker und Karolus1 fragen in Ihren Kommentaren grundsätzlich, ob eine getrennte Betrachtung mehr als 20 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung eigentlich noch angemessen ist und führen Beispielrechnungen an.

In den Veröffentlichungen ist die Frage der Schwelle umstritten. Im IAQ-Bericht  der Uni Duisburg-Essen wird keine endgültige Bewertung vorgenommen. Dort heißt es:

„Wegen der nach wie vor erheblichen Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland stellt sich für Deutschland grundsätzlich die Frage, ob man zwei getrennte oder eine bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle verwendet. Bei einer Gegenüberstellung beider Berechnungsweisen wird deutlich, dass die Niedriglohnanteile für Gesamtdeutschland relativ nah beieinander liegen, es aber bezogen auf das Ausmaß der Niedriglohnbeschäftigung in Ostdeutschland einen erheblichen Unterschied macht, welche Niedriglohnschwelle zugrunde gelegt wird.“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund formuliert in „arbeitsmarktaktuell“ deutlich, dass mit getrennten Schwellen „dem Lohngefälle von West nach Ost und dem jeweiligen Preisniveau besser Rechnung“ getragen werde.

 

Der Linken-Abgeordnete Klaus Ernst hatte 2011 Fragen zum Thema Niedriglohn an die Bundesagentur für Arbeit geschickt. In der Antwort der Agentur heißt es: „Aufgrund des Lohngefälles zwischen West- und Ostdeutschland ist es sinnvoll, die Grenze des Niedriglohnbereichs für beide Landesteile getrennt zu berechnen.“

Eine ähnliche Begründung nutzt auch die Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der Linken zum Thema „Niedriglohnbeschäftigte in der Call-Center-Branche“:

„Neben der Nutzung einer bundeseinheitlichen Niedriglohnschwelle ist es sinn- voll, aufgrund des Lohngefälles zwischen West- und Ostdeutschland die Grenze des Niedriglohnbereichs für beide Landesteile getrennt zu berechnen. So basiert der im Folgenden ausgewiesene Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in den einzelnen Bundesländern auf den verschiedenen Niedriglohnschwellen für West- und Ostdeutschland.“

In den Berechnungen vieler offizieller Stellen wird die getrennte Betrachtung also klar bevorzugt. Insofern stimmt Frau Kippings Aussage nur teilweise.

Das #ZDFcheck-Fazit

Die Aussage von Katja Kipping scheint ein typisches Beispiel für den politischen Umgang mit Statistiken. Legt man zur Berechnung der Niedriglohnschwelle den statistischen Bundesdurchschnitt an, stimmt Frau Kippings Aussage. Differenziert man nach Ost und West – was selbst der Deutsche Gewerkschaftsbund für sinnvoll hält - liegt Frau Kipping eindeutig falsch.

Das Fazit der #ZDFcheck-Redaktion lautet deshalb: Stimmt teilweise.

Dieser #ZDFcheck wurde beendet. Die Redaktion hat ein Fazit gezogen. Vielen Dank an alle Helfer für die Hinweise und Beteiligung.

Insgesamt 15 Hinweise

  1. „Einheits-Check: Wie nah sind sich Ost und West?“
    Quelle:
    http://www.mdr.de/mdr-im-ersten/einheits-check120.html

    „Ost-West-Gefälle: Einkommen und Stromkosten im Vergleich“
    Quelle:
    http://www.prizewize.de/strom/ungleiche-stromkosten-in-ost-und-west/

    Kaufkraft:
    „Die Kaufkraft kann vereinfacht als die Summe aller Nettoeinkünfte einer bestimmten Raumeinheit gesehen werden. Sie ist damit ein Indikator für das Konsumpotenzial der dort lebenden Bevölkerung. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass die Kaufkraft oftmals nicht da eingesetzt wird, wo die Menschen wohnen, sondern dort wo sie einkaufen.“
    Quelle:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kaufkraft_Deutschland_2011.png
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kaufkraft_%28Konsum%29

    • Interessante Vergleiche. Die Unterschiede in den Preisniveaus für Strom zulasten der ostdeutschen Verbraucher habe ich auch in einer Zusammenfassung einer Studie des BBSR gefunden. – Worauf ich eigentlich hinauswollte, sind die „Kaufkraftparitäten für Ost- und Westdeutschland“, auf die man umrechnen müsste, um ein einheitliches Maß zu haben. „Um bei Ländervergleichen den Unterschieden in den Preisniveaus Rechnung zu tragen, werden Kaufkraftparitäten berechnet. Grundsätzlich ist das auch für Vergleiche verschiedener Regionen innerhalb eines Landes möglich“. „Da sich die Preisentwicklung in Ost- und Westdeutschland zwischenzeitig nahezu angeglichen hat“, ist allerdings m. E. fraglich, ob das noch nötig ist. Quelle: s. u.

  2. @Slapsticker (12.07.2013 | 14:26 Uhr)
    Aha, nach diesen Zahlen wäre der Verbraucher-Preisindex im Jahresdurchschnitt 2011 bezogen auf 2005 (= 100) also folgendermaßen zu sehen:

    Einfaches Mittel Bund = 110,73
    Gewichtetes Mittel Bund = 110,68
    Gewichtetes Mittel West = 110,62
    Gewichtetes Mittel Ost = 111,05

    Bund = ohne SH, HB, HH
    West = mit Berlin, ohne SH, HB, HH

    Fazit:
    Die Preise sind im Osten um ca. 0,4 % geringfügig höher.
    Dagegen sind die Löhne, gemessen an den Niedriglohnschwellen, im Osten um 27 % niedriger als im Westen bzw. um 23,5 % niedriger als im Bund. Die Menschen im Osten bezahlen also die gleichen Preise wie im Westen, erhalten aber deutlich niedrigere Löhne.

    Da stellen sich folgende Fragen:
    1. Wenn die Ost-Unternehmen praktisch gleiche Preise verlangen, jedoch ihren Arbeitnehmern deutlich niedrigere Löhne bezahlen, wer sackt die Differenz ein?
    2. Wäre es im Anbetracht dessen nicht eine irreführende Manipulation, im Osten eine tiefere Niedriglohnschwelle anzusetzen, damit die Zahlen schöner aussehen?

    • Danke für die Berechnung! Da in die Verbraucherpreisindizes der Bundesländer ja bereits die Wohnungsmieten (s. verlinkte Quelle) eingegangen sind, ist daher auch das Argument niedrigerer Lebenshaltungskosten in den neuen Ländern hinfällig. Eine Aufspaltung in unterschiedliche Niedriglohnschwellen ist daher mehr als fragwürdig. LG

  3. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/geringverdiener-in-deutschland-wo-die-niedrigloehner-malochen-a-797048.html
    Dort ist eine sehr übersichtliche Tabelle(Werte von 2010) zu sehen, in der die Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle für jedes Bundesland aufgeführt sind. Es sind sowohl die Beschäftigten mit Entgelten unterhalb der bundeseinheitlichen, als auch unterhalb der Ost-/Westniedriglohnschwelle aufgeführt. Betrachtet man nun die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle (1802€ brutto), so kann man sehen, dass alle ostdeutschen Bundesländer, außer Berlin, einen Wert von über 40% haben, während alle westdeutschen Bundesländer einen Wert von 20% (+/- 4) haben.
    Ich habe dann noch Durchschnittswerte ausgerechnet. Dazu habe ich die Einwohnerzahl der einzelnen Bundesländer(Quelle: Wikipedia) mit dem Prozentsatz aus der Tabelle multipliziert und dann durch die gesamt Einwohnerzahl dividiert. Dabei sind folgende Werte herausgekommen:
    West: 18,85%
    Ost: 34,12%
    Frau Kipping hat somit etwas stark aufgerundet, aber im Grunde recht.

  4. Die Aussage stimmt.

    „Zwischen Ost und West zeigten sich deutliche Unterschiede. Rund zwei Drittel der vollzeitbeschäftigten mit Niedriglohn sind in den alten Bundesländern erwerbstätig und ein Drittel in den neuen Ländern. Misst man den Niedriglohnsektor am unterschiedlichen Beschäftigungsniveau in beiden Landesteilen, so ist der Niedriglohnanteil im Osten gut doppelt so hoch wie im Westen. Bei einer bundeseinheitlichen Niedriglohnschwelle lagen 2010 im Westen knapp 20 Prozent der Vollzeitbeschäftigten unter dieser Schwelle gegenüber 40 Prozent im Osten.“

    Quelle: DGB Arbeitsmarkt Aktuell 6/2012, S. 2
    http://www.dgb.de/themen/++co++ac4f0354-fcb8-11e1-904f-00188b4dc422?t=1

    • Spannend ist der Absatz, der in dem DGB-Papier nach dem von Ihnen zitierten kommt:

      Verwendet man hingegen für beide Landesteile getrennte Schwellen, ergeben sich deutlich abweichende Werte. Damit wird dem Lohngefälle von West nach Ost und dem jeweiligen Preisniveau besser Rechnung getragen. Unterhalb von zwei Dritteln des westdeutschen Medians liegen dann im Westen Bruttolöhne von 1.890 € monatlich bzw. von 1.379 € im Osten. Betrachtet wird folglich nur das Lohngefälle innerhalb der beiden Landesteile und nicht mehr das gesamtdeutsche Gefälle. Der Niedriglohnanteil liegt dann
      im Osten (mit 21,1 %) deutlich niedriger, aber immer noch leicht über dem westdeutschen Wert mit 20,8 %.“

    • Unterschiedliche Niedriglohnschwellen für Ost- und Westdeutschland, die nur am jeweiligen Median orientiert sind, erscheinen mir knapp 23 Jahre nach der Wiedervereinigung kein sinnvoller Maßstab zu sein. Denn Das Lohngefälle ist unbestreitbar. Über die Kaufkraft geben die differierenden Niedriglohnschwellenwerte jedoch keine Auskunft. Richtiger erscheint es mir daher, in einem zweiten Prüfschritt die Löhne um die unterschiedliche Kaufkraft in Ost und West zu bereinigen. Ob Bedarfsgüter sich im Preis wesentlich unterscheiden, wage ich zu bezweifeln. Die größten Differenzen vermute ich bei den durchschnittlichen Mietniveaus. Ob diese und weitere kleine Unterschiede jedoch ein Gefälle von ca. 500 € (Mediandifferenz) nivellieren, ist mehr als fraglich. Evtl. gibt es ja so etwas wie nach Ost und West unterschiedene kaufkraftbereingte Niedriglohnschwellen.

    • Die Differenz in der Kaufkraft liegt bei ca. 6 %: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.415388.de/dp1269.pdf (DIW 2013) Einem Bericht der DB Research ist zu entnehmen, dass die „Mieten in Ostdeutschland, die einen Anteil am Konsumentenpreisindex
      von 21% haben, etwa 30% unter denen im Westen“ liegen. („Ausblick Deutschland – Stillstand der Lohnkonvergenz zwischen Ost- und Westdeutschland seit Anfang der 2000er Jahre“, 4/2013), was sehr gut mit o. g. Wert übereinstimmt, da daraus ein Unterschied von 6,3 % resultiert. Die Differenz der Lebenshaltungskosten zwischen Ost- und Westdeutschland ist also nicht sonderlich groß.

      P.S.: Das „Denn“ im letzten Posting muss natürlich getilgt werden.

    • Zum Vergleich: 2011 lag der Niedriglohnschwellenwert für Ostdeutschland (brutto pro Stunde) 25,55 % unterhalb unter dem des Westens.

  5. Definitionen der Niedriglohnschwelle:

    „Die Niedriglohnschwelle wird definiert als zwei Drittel des Eurobetrags, der die Verteilung aller Vollzeitbeschäftigten nach ihrem Monatsverdienst genau in zwei Hälften teilt (Median).“
    Quelle beispielsweise:
    https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2009/Verdienste/begleitheft_verdienste.pdf?__blob=publicationFile

    „Die Niedriglohnschwelle lag bei einem Bruttostundenlohn von 10,36 Euro.“
    Quelle Jahresbericht 2012:
    https://www.destatis.de/DE/UeberUns/UnsereAufgaben/Jahresberichte/Jahresbericht2012.pdf?__blob=publicationFile

  6. Laut IAQ-Report 1/2013 lag der Anteil aller Niedriglohneschäftigten bei zugrundegelegter bundeseinheitlicher Niedriglohnschwelle im Jahr 2011 bei 37,7 % in den Neuen Bundesländern und bei 21,1 % in Westdeutschland. http://www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2013/report2013-01.pdf

Kipping (Linke): 40 Prozent der Beschäftigten im Osten unterhalb Niedriglohnschwelle – Stimmt teilweise - Stimmt teilweise

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