03.09.2013

Trittin (Grüne): So viel Kohle-Strom wie Anfang der 90er, Treibhausgase steigen erstmals – Stimmt so nicht

Die Energiewende ist ein zentrales Thema der Grünen – in ihren Augen hat Schwarz-Gelb versagt. „Zum ersten Mal seit 20 Jahren steigen die Treibhausgase wieder“, sagt Trittin. Die Kohle boome, „so viel wie Anfang der 90er Jahre wird zurzeit Kohle verstromt“. Das #ZDFcheck-Fazit: stimmt so nicht.

Zitat:

"Zum ersten Mal seit 20 Jahren, seit den Zeiten von Helmut Kohl und Klaus Töpfer, steigen in Deutschland die Treibhausgase wieder. (…) Deutschland emittiert durch einen Boom bei Kohle-Strom immer mehr CO2, so viel wie Anfang der 90er Jahre wird zurzeit Kohle verstromt."

Bisherige Rechercheergebnisse:

So funktioniert's

Was checken wir genau?

Wir überprüfen zunächst, ob der Treibhausgas-Ausstoß nach den aktuellsten verfügbaren Zahlen erstmals seit 20 Jahren wieder steigt. Im nächsten Schritt untersuchen wir, ob es einen Boom beim Kohle-Strom gibt und inwiefern dieser Grund für einen Anstieg der CO2-Emissionen ist. Außerdem checken wir, ob nach den aktuellsten verfügbaren Zahlen der Kohle-Strom heute eine so große Rolle wie Anfang der 90er Jahre spielt. Als „Anfang der 90er Jahre“ sehen wir die Jahre von 1990 und 1994 an.

Worauf bezieht sich Trittin genau?

Das #ZDFcheck-Team hat am 3. September 2013 bei der Grünen-Pressestelle angefragt, auf welche Statistiken sich Jürgen Trittin bezieht. Einen Tag später kommt die Antwort. Darin heißt es …

… zu den Treibhausgasen: „Laut Zahlen des Umweltbundesamtes waren die CO2-Emissionen bei jeder Regierung seit 1990 zum Ende der Regierungszeit niedriger als zu Beginn. Zum Ende dieser Legislaturperiode steigen sie dagegen wieder.“

… zu den Ursachen des steigenden-Treibhausgasanstiegs: Hier verweisen die Grünen auf eine Information des  Umweltbundesamts, in der es heißt: „Die Emissionen (von CO2, die Redaktion) im Jahr 2012 steigen gegenüber 2011 um zwei Prozent. Ursachen sind die höheren Emissionen aus der Stromerzeugung und aus dem gesteigerten Bedarf an Heizenergie in den Haushalten und übrigen Kleinverbrauchern.“

… zur Kohle: Laut Zahlen der AG Energiebilanzen e.V. war die Bruttostromerzeugung in Deutschland aus Braunkohle 2012 auf dem Niveau der frühen 1990er.

Steigt der Treibhausgas-Ausstoß erstmals seit 20 Jahren wieder an?

Das Umweltbundesamt erstellt die offiziellen Statistiken zum Treibhausgasausstoß in Deutschland. Diese Daten, auf die auch Karolus1 verweist, werden an internationale Organisationen wie die UNO gemeldet. Die Werte zeigen ein klares Bild: Zwischen 1990 und 2012 sind die Emissionen um 25 Prozent gesunken. Zwar ist der Treibhausgasausstoß 2012 im Vergleich zu 2011 um 1,6 Prozent gestiegen. Doch solche kleinen Anstiege gab es seit 1990 mehrfach: 1996, 2001, 2006 und 2010.

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Die Grünen argumentieren, dass erstmals seit 20 Jahren zum Ende einer Legislaturperiode mehr Treibhausgas ausgestoßen wird, als zu Beginn. Das stimmt – aber das sagt Trittin in der Pressekonferenz nicht, er spricht generell vom ersten Anstieg seit 20 Jahren.

Trotz der Schwankungen von Jahr zu Jahr hält Deutschland die im Kyoto-Protokoll vereinbarten Ziele ein, die Emissionen zu reduzieren. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die Aufs und Abs oft keine klimapolitischen Gründe haben. So können ein kalter Winter und eine gute Konjunktur den Treibhausgas-Ausstoß ansteigen lassen. Somit hinkt ein Vergleich der Wahljahre 2009 und 2013 auch aus klimapolitischer Sicht: Vor vier Jahren trug die heftige Wirtschaftskrise dazu bei, dass der Treibhausgas-Ausstoß sank.

Daher lautet das Fazit der Redaktion in diesem Punkt: stimmt nicht.

Stößt Deutschland durch einen Kohle-Boom immer mehr CO2 aus und wird so viel Kohle wie Anfang der 90er Jahre verstromt?

Der Anteil der Kohle (Steinkohle und Braunkohle) an der Bruttostromerzeugung betrug 2012 laut der AG Energiebilanzen 44,2 Prozent. 2011 waren es 42,8, 2010 41,5 Prozent. Tatsächlich steigt also der Kohle-Anteil am Strommix. Das treibt auch den CO2-Ausstoß nach oben, wie das Umweltbundesamt erklärt: „Für die Stromerzeugung wurde mehr Braun- und Steinkohle verbrannt und witterungsbedingt kam beim Heizen von Häusern und Wohnungen mehr Gas zum Einsatz. Der Ausbau der erneuerbaren Energien dämpfte den Emissionsanstieg allerdings.“

Doch das Niveau von Anfang der 90er Jahre erreicht der Kohle-Strom nicht. Damals stammten – je nach Jahr – zwischen 55 und 57 Prozent des Stroms aus Kohle – also deutlich über den heutigen gut 44 Prozent.

Auf Nachfrage erklärt die Grünen-Pressestelle, Trittin habe sich nur auf Braunkohle bezogen. Gemessen in Milliarden Kilowattstunden werden da tatsächlich ähnliche Werte erreicht: 1992 stammten 155 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Braunkohle, 2012 waren es 161 Milliarden. Doch Trittin spricht in der Pressekonferenz nicht von Braunkohle-Strom, sondern von Kohle-Strom allgemein. Berücksichtigt man auch die Steinkohle, wird heute auch gemessen in Kilowattstunden weniger Kohle-Strom produziert als Anfang der 90er Jahre (1992: 296 Milliarden Kilowattstunden; 2012: 277 Milliarden Kilowattstunden).

Das Fazit der Redaktion für diesen Teil von Trittins Aussage lautet daher: stimmt teilweise.

Das #ZDFcheck-Fazit

Der Kohle-Anteil am Strommix nimmt derzeit zu, was auch zu einem Anstieg des Treibhausgas-Ausstoßes beiträgt. Doch Trittins Vergleiche mit Anfang der 90er Jahre stimmen nicht. Der Treibhausgas-Ausstoß steigt nicht erstmals seit 20 Jahren und auch beim Kohle-Strom befindet sich Deutschland nicht auf dem Niveau von Anfang der 90er Jahre. Der Zuhörer kann Trittins Aussagen aus der Pressekonferenz nicht so verstehen, wie sie laut Grünen-Pressestelle gemeint sein sollen.


Das #ZDFcheck-Fazit für Trittins Aussage lautet daher: stimmt so nicht.


Dieser #ZDFcheck wurde beendet. Die Redaktion hat ein Fazit gezogen. Vielen Dank an alle Helfer für die Hinweise und Beteiligung.

Insgesamt 7 Hinweise

  1. Übersichten zu den Entwicklungen der Emissionen sowie die von der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Klimarahmenkonvention (UN FCCC) und des Übereinkommen über weiträumige grenzüberschreitende Luftverschmutzung (UN ECE-CLRTAP) vorgelegten Emissionsberichte und Emissionsinventare:

    http://www.umweltbundesamt.de/emissionen/publikationen.htm

    Allgemeines:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Treibhausgas
    Entwicklung:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Treibhausgas#Entwicklung_der_Emissionen

  2. Man sollte bei den Treibhausgasen nicht nur die für Stromerzeugung verwendete Energie betrachten, sondern den Energieverbrauch insgesamt, also inklusive Heizung, Industrie, Verkehr usw.
    Man unterscheidet hierbei
    -Primärenergie
    -Endenergie
    -Nutzenergie
    http://de.wikipedia.org/wiki/Energieverbrauch
    Bild:
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e9/Energiegruppen_%C3%9Cbersicht.png

    Das Umweltbundesamt ermittelt dazu den Indikator „Primärenergieverbrauch nach Energieträgern und Anteil erneuerbarer Energien“:
    http://www.umweltbundesamt-daten-zur-umwelt.de/umweltdaten/public/theme.do?nodeIdent=2848
    Danach betrugen die Anteile der fossilen Brennstoffe (verantwortlich für CO2-Emissionen) am Primärenergieverbrauch:
    Energieträger 1990 … 2011
    Steinkohle 15,5% … 12,2%
    Braunkohle 21,5% … 10,8%
    Mineralöle 35,0% … 33,3%
    Erdgas 15,4% … 21,9%
    ———————————
    Summe 87,4% … 78,2%
    =================================
    In der Diskussion wird häufig vergessen, dass der Anteil des Stromverbrauches am Gesamtendenergieverbrauch nur 21,6 % (2011) beträgt. Ein Großteil der Treibhausgase entsteht also nicht bei der Stromerzeugung, sondern durch Heizung, Verkehr und Industrie.
    Quelle:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Energieverbrauch#Energieverbrauch_in_Deutschland
    (Tabelle „Endenergieverbrauch in der Bundesrepublik Deutschland“)

  3. Interressant ist in diesem Zusammenhang auch der Indikator „Energieeffizienz bei der Stromerzeugung“. Zu den fossilen Kraftwerken die Seite des Umweltbundesamtes:
    http://www.umweltbundesamt-daten-zur-umwelt.de/umweltdaten/public/theme.do?nodeIdent=2849
    Insgesamt erhöhte sich der durchschnittliche Brutto-Brennstoffnutzungsgrad im deutschen Kraftwerkspark von 39 auf 42 % im Zeitraum von 1990 bis 2011.

  4. Es steht doch oft genug in der Zeitung dass Stromriesen die Gaskraftwerke sogar teilweise abschaffen wollen ( und die Atomkraftwerke ) und die Bundesnatzagentur das dann notfalls ( wieder mit mehr von unserem Geld ) verhindern soll

  5. http://www.dw.de/wieder-mehr-treibhausgase-in-deutschland/a-16627784

    Als Hauptgrund nannte er einen Anstieg von 3,4 Prozent bei der Steinkohleverstromung und von 5,1 Prozent bei der Braunkohle. Wegen des niedrigen Kohlepreises sei der Bau hocheffizienter, moderner Gaskraftwerke derzeit weniger rentabel, während vor allem ältere, bereits abgeschriebene Kohlekraftwerke „sehr gut ausgelastet“ seien. Zudem seien 2012 neue Braunkohlekraftwerke ans Netz gegangen. Die Verstromung von Braunkohle gilt als besonders umweltschädlich.

  6. Bruttostromerzeugung in Mrd. kWh
    ————————————-
    Jahr Braunkohle + Steinkohle = Zusammen
    1991 158,3 + 149,8 = 308,1
    1995 142,6 + 147,1 = 289,7
    2000 148,3 + 143,1 = 291,4
    2005 154,1 + 134,1 = 288,2
    2006 151,6 + 137,9 = 289,5
    2010 145,9 + 117,0 = 262,9
    2011 150,1 + 112,4 = 262,5
    2012 159,0 + 118,0 = 277,0
    ———————————-
    Quellen:
    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/Energie/_Grafik/Bruttostromerzeugung.html
    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/Energie/Erzeugung/TabellenBruttostromerzeugung.html
    https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2008Umwelt.pdf?__blob=publicationFile, Seite 342
    ———————————-
    Daraus Anteile in Prozent von der Bruttostromerzeugung insgesamt:
    Jahr Braunkohle + Steinkohle = Zusammen
    1991 29,3% + 27,7% = 57,0%
    1995 26,6% + 27,4% = 54,0%
    2000 25,7% + 24,8% = 50,5%
    2005 24,8% + 21,6% = 46,4%
    2006 23,8% + 21,7% = 45,5%
    2010 23,2% + 18,6% = 41,8%
    2011 24,7% + 18,5% = 43,1%
    2012 25,7% + 19,1% = 44,9%

    Man erkennt eine steigende Tendenz seit 2010/2011, aber die Werte sind 2012 sowohl absolut als auch relativ niedriger als 1991.

Trittin (Grüne): So viel Kohle-Strom wie Anfang der 90er, Treibhausgase steigen erstmals – Stimmt so nicht - Stimmt so nicht

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